Eine Region mitten in Europa - schöne Berge, grüne Felder, malerische
Dörfer, moderne Großstädte. Und doch findet hier ein Bürgerkrieg auf Raten statt, der
seit 1968 über 800 Menschen das Leben gekostet hat.
Die Baskische Untergrundorganisation ETA (Euskadi ta Askatasunä,
"Baskenland und Freiheit") kämpft mit Terror und Gewalt für einen eigenen baskischen
Staat. In den drei baskischen Provinzen Spaniens spricht nur etwa jeder vierte Einwohner
baskisch, in der Provinz Navarra und in den französischen Baskengebieten sind es noch
weniger. Dies ist allerdings wiederum eine Folge der Unterdrückung dieser Sprache sowohl
in Spanien als auch in Frankreich.
Zumindest die drei baskischen Kernprovinzen Spaniens verfügen
seit 1979 über ein sehr weitgehendes Autonomiestatut: Weitgehende Steuerhoheit,
ein eigenes Parlament, baskische Kindergärten und Schulen ... Und doch geht fast
monatlich irgendwo in Spanien eine Bombe hoch, in einem Bus oder in einem
Supermarkt, die Unbeteiligte trifft, oder es wird irgendein Politiker oder
Justizbeamter regelrecht hingerichtet. Es trifft auch baskische Politiker, die
eine gemäßigte Linie vertreten. Während eines 16monatigen Waffenstillstands von
September 1998 bis Januar 2000 wurden zwar keine Menschen ermordet, dafür aber
Wohnungen von "schlechten Basken" mit Molotow-Cocktails angezündet, öffentliche
Busse und Telefonzellen zerstört. Die "Ruhepause" nützte die ETA zur Reorganisation, nachdem viele ihrer Aktivisten
verhaftet worden waren. Seit einem Jahr sterben wieder Menschen.
Es sind nur wenige hundert, vielleicht nur wenige Dutzend meist junge
Basken, die die Terroranschläge durchführen. Doch sie haben Sympathisanten - man
schätzt etwa 10 Prozent der Bevölkerung. Sie verfügen über eine mit ihnen eng
verbundene Partei, die Euskal Herritarrok (EH), und über verschiedene legal tätige
Jugendorganisationen, aus denen sie ihren Nachwuchs rekrutieren. Die christdemokratisch
orientierte Partei der Baskischen Nationalisten, die im Regionalparlament auch den
Ministerpräsidenten stellt, will zwar auch die Unabhängigkeit erreichen, doch gewaltlos.
Viele Politiker und Künstler, die zwar überzeugte Basken
sind, sich aber mit den Zielen der fanatischen Extremisten nicht identifizieren,
haben die Region verlassen. Der Terror hat also sein Ziel zum Teil erreicht: Die
Einschüchterung der Gemäßigten und der Pazifisten. Wer Solidarität mit den
Opfern der ETA bekundet, muss mit Drohungen oder Prügel rechnen. Beobachter
sprechen davon, dass hier eine Art "ideologische Säuberung" angestrebt wird:
Viele, die gegen die ETA sind, werden systematisch vertrieben, vergrault -
manche umgebracht. Unternehmer werden dazu erpresst, "Schutzgelder" an die Terroristen zu zahlen. Sogar der baskische Fußballstar Bixente Lizarazu, ein französischer Nationalspieler, der beim
FC Bayern München spielt,
erhielt kürzlich einen Erpresserbrief, der von der ETA stammen soll.
Woher kommt dieser Hass, der von einer Generation an die nächste
weitergegeben wird? Viele aus der Generation, die die ETA 1959 gründeten und zunächst
mit gewaltlosen Methoden gegen das spanische Franco-Regime kämpften, haben sich
inzwischen abgewendet - doch ihre Söhne und Enkel, die eine Diktatur gar nicht kennen,
machen weiter. Woher kommt die Blindheit für die Tatsache, dass die Pflege eigener
Sprache und Kultur im Zeitalter des sich vereinigenden Europas nicht mehr eines
staatlichen Überbaus bedarf?
Zu Zeiten Francos war der Kampf der Basken gegen den
spanischen Staat durchaus verständlich. Im spanischen Bürgerkrieg (1936-39)
hatte die Mehrzahl der Basken auf der Seite der Republik gegen den Putschisten
Franco gekämpft, von dem sie zu Recht eine Einschränkung der in der spanischen
Republik erreichten Autonomierechte fürchteten. Franco nahm bereits während des
Bürgerkrieges furchtbare Rache: Er ließ die "heilige Stadt" der Basken,
Guernica, in der sich unter einer uralten Eiche die urdemokratischen
Versammlungen trafen, von deutschen Fliegern dem Erdboden gleichmachen. Der
Diktator, der in Spanien mit Hilfe der katholischen Kirche einen "Kreuzzug"
gegen den Bolschewismus zu führen glaubte, ließ während seiner bis 1975 währenden
Diktatur die baskische Sprache verbieten. Während und noch nach der Zeit des
Franco-Regimes wurden baskische Aktivisten in spanischen Gefängnissen gefoltert und
massakriert. Spanische Todesbrigaden (die GAL) verbreiteten nach Francos Tod mit Billigung
höchster spanischer Stellen Gegenterror. Heute sind die mehreren hundert ETA-Gefangenen
über Gefängnisse in ganz Spanien verteilt - was von der ETA wiederum als Grund
angeführt wird, weshalb der bewaffnete Kampf weitergehen müsse.
"Das Baskenland ist der einzige Platz in Spanien, an dem Franco
noch nicht begraben ist", sagt der ehemalige ETA-Kämpfer Uriarte. Das Erbe der
Gewalt wirkt fort - in den Nachkommen derer, denen Gewalt angetan wurde. Die jungen
Fanatiker der ETA protestieren gegen die Inhaftierung ihrer Gesinnungsgenossen in
Südspanien - und entführen als Druckmittel einen Gefängniswärter, den sie dann 17
Monate in ein finsteres Erdloch sperren. Ihre Blindheit für die gesellschaftliche
Gegenwart ist allenfalls noch durch die Annahme erklärbar, dass es sich bei vielen um
wieder einverleibte Seelen ehemaliger Folteropfer Francos handeln könnte. Möglich ist
auch, dass die ETA von interessierten Kreisen dazu missbraucht wird, den spanischen und
den französischen Staat und damit die sich formierende Europäische Union zu schwächen.
Auch wenn die ETA und viele ihrer Sympathisanten Anhänger eines
dogmatischen Marxismus sind, so liegt dieser Bewegung eine enorm starre, reaktionäre
Haltung zugrunde. So fiel dem Historiker Javier Tusell auf, dass die Hauptgebiete des
baskischen Extremismus solche sind, wo im 19. Jahrhundert die Basken gegen den spanischen
Liberalismus kämpften. Die Mehrheit der Basken hat diese Haltung heute nicht mehr; im
Gegenteil, viele protestieren gegen die Gewalt.
Der baskische Nationalismus entstand erst gegen Ende des 19.
Jahrhunderts als Reaktion auf verstärkte Zuwanderung von Spaniern im Zuge der
industriellen Revolution. Seine Begründung findet er in der Tatsache, dass die Basken
tatsächlich ein einzigartiges Volk sind. Ihre Sprache ist die einzige vor-indogermanische
in Westeuropa. Ähnlichkeiten gibt es allenfalls mit den Sprachen der kaukasischen
Georgier oder der Berber in Nordafrika. Angeblich klingt auch die Sprache der Apachen
jenseits des Ozeans ähnlich. Fast könnte man annehmen, dass die Basken direkt von dem
sagenhaften Kontinent Atlantis stammen, der einst zwischen Europa und Amerika gelegen
haben soll.
Dass ihr Nationalismus uns heute teilweise in übersteigerter,
irrationaler Form entgegenkommt, liegt nach Ansicht von Beobachtern nicht
zuletzt an der katholischen Kirche. "Ihr Einfluss auf alle Bereiche der baskischen Kultur kann kaum
überschätzt werden", schreibt der Journalist Wolf Hanke. Das gilt anscheinend auch
noch für die Gegenwart.
Eine Augenzeugin berichtet von der Totenmesse für einen mehrfachen
ETA-Mörder, der bei einem Sprengstofftransport ums Leben kam. Die Messe in der Kirche
einer kleinen baskischen Stadt zelebrierten neun (!) Priester - und kein einziger
erwähnte, dass man hier einen Mörder zu Grabe trug, und bat deshalb um Gnade für seine
Seele (Die Zeit, 31.8.2000).