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Der Strom
des Urchristentums – Teil 8: Die Katharer
Das Gute durch
das eigene Leben bezeugen
Zwei Frauen, die allein unterwegs waren – das erregte Verdacht. Sie wurden
aufgegriffen, verhört und – überführt: Als man sie aufforderte, ein rasch
herbeigebrachtes Huhn zu töten, weigerten sie sich. Ehe die Katharerinnen Séréna
und Agnès de Châteauverdun auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, verlangten
sie als letzte Bitte nach frischem Wasser, um sich die Gesichter waschen zu
können, die sie zur Tarnung geschminkt hatten. Sie wollten nicht so »bemalt« vor
ihren Herrn treten.
Mit »größter Freude«
verbrannt
Diese Episode spielte sich zu einer Zeit ab, als der Ketzerkreuzzug (1209-1229)
des Papstes gegen die Katharer längst beendet, als auch die berühmte Ketzerburg Montségur schon gefallen war (1244). Das einst so freie und tolerante Okzitanien
war unterworfen und Frankreich einverleibt; Inquisitoren durchkämmten nun
systematisch Dorf um Dorf, Straße um Straße, Haus um Haus, um die letzten
versprengten Katharer aufzuspüren.
Sie werden von den Häschern des Papstes »mit größter Freude« ermordet – wie die
400 Katharer, die Anfang Mai 1211 in dem Pyrenäendorf Lavaur verbrannt werden,
nachdem sie das katholische Ave Maria nicht hersagen konnten. Die schwangere
Donna Geralda, Katharerin und Schlossherrin in dem »Ketzernest«, wird in einen
Brunnen gestoßen und mit Steinen beworfen, bis man ihr Wimmern nicht mehr hört.
Ihr Bruder Améric von Montreal wird mit 80 Rittern, Edelleuten und Troubadouren
zum Richtplatz geführt. Améric wird als erster gehängt – doch der für 80
Verurteilte errichtete Riesengalgen bricht schon unter der ersten Last zusammen.
Die Zimmerleute haben schlecht gearbeitet. Simon von Montfort, der
Oberbefehlshaber des vom Papst angeordneten Ketzerkreuzzugs, hat keine Zeit zu
verlieren: Er lässt die Ritter abstechen.
Wer sind diese Menschen, gegen die solche Grausamkeiten
verübt werden? Wer sind sie, die niemanden gleichgültig ließen? Der »heilige«
Bernhard von Clairvaux (1091-1153) rief gegen sie zum Völkermord auf: »So also,
meine Teuren, verfolgt sie, ergreift sie und zögert nicht, sie alle umkommen zu
lassen!« Doch selbst er musste zugeben, »dass es nichts Christlicheres gebe als
diese Häretiker; was ihre Unterhaltung angehe, so könne nichts Tadelnswertes
gefunden werden, und mit ihren Worten stimmten auch ihre Taten überein. Was die
Sittlichkeit der Ketzer anbelange, so betrügen und bedrückten sie keinen, ihre
Wangen seien bleich vom Fasten, und mit ihren Händen arbeiteten sie für ihren
Lebensunterhalt.«* Tatsächlich wurden viele
Katholiken für Ketzer gehalten, wenn sie zu blass aussahen – und Johann
Teisseire aus Toulouse musste, um einer Verurteilung als Häretiker zu entgehen,
den Eid leisten: »Ich bin kein Ketzer, denn ich habe eine Frau und schlafe bei
ihr, ich habe Kinder und esse Fleisch, ich lüge, schwöre und bin ein gläubiger
Christ, so wahr mir Gott helfe!«
Die Katharer erhielten vor allem in Südfrankreich großen Zulauf, wo ein freies,
tolerantes Klima eine kulturelle Blüte ermöglichte. Die Troubadoure (die
»Finder«) konnten sich auf literarischem Gebiet ebenso entfalten wie die
katharischen Wanderprediger auf religiösem Terrain. Die einfache Lebensweise und
der sittliche Ernst der Katharer überzeugte das Volk mehr als die Prasserei und
Verderbtheit eines großen Teils des römischen Klerus. Auch wenn die herrschenden
Ritter, Grafen und Fürsten selbst keine Katharer wurden (als solche hätten sie
die Waffen niederlegen müssen), so schlossen sich häufig ihre Frauen oder
Töchter dieser Bewegung an. Viele Ritter waren empört über die Einmischung des
Papstes in die freie Lebensart des Südens und versuchten, ihre politische und
religiöse Freiheit gegen den Machtanspruch Roms zu verteidigen, der sich mit den
Eroberungsgelüsten des französischen Herrschers in Paris liiert hatte. Der
Kreuzzug gegen die Katharer war also ein religiöser und ein politischer Feldzug
– der Süden Frankreichs verlor am Ende beide.
Doch ehe die Kirche zu diesem letzten Mittel der Vernichtung griff, konnte sich
das Katharertum einige Jahrzehnte unter dem Schutz seiner toleranten Herrscher
entfalten. Die »Albigenser«, wie man sie nach einem ihrer Hauptorte, der Stadt
Albi, auch nannte, teilten sich in drei Gruppen: An der Spitze standen die
parfaits, die »Vollkommenen« – vermutlich nur wenige hundert Männer und Frauen,
die sich ganz in den Dienst der Verbreitung dieser Lehre stellten und auch
zölibatär lebten. Sie trugen weiße Gewänder als Sinnbild des Strebens nach
absoluter Reinheit in Gedanken, Worten und Taten. Die Gemeinde im engeren Sinne
bildeten die croyants, die »Gläubigen«. Sie trugen in der Regel schwarze
Gewänder – um damit zum Ausdruck zu bringen, dass ihre Seele zwar im Körper
»eingesperrt« war, aber diese Welt nicht als ihre Heimat betrachtete. Die
Gläubigen lebten zum Teil in der Ehe und hatten Kinder, um weiteren Seelen die
Möglichkeit zur Inkarnation zu geben – denn die Katharer glaubten, wie die
ersten Christen, an die Reinkarnation. Die dritte Gruppe bildeten – wie bei den
Bogumilen – die auditores, die »Hörer«, die man heute als »Sympathisanten«
bezeichnen würde.
Die Katharer führten ein einfaches Leben, ernährten sich von ihrer Hände Arbeit,
oft als Zimmerleute oder Weber. Viele der Frauen der Katharer kannten sich mit
Heilkräutern und Nutzpflanzen aus. Sie bauten keine Kirchen, sondern trafen sich
in der freien Natur oder in Höhlen, um gemeinsam zu beten oder über das
Evangelium zu sprechen. Liturgische Rituale waren für sie ein »leeres, nichtiges
Schauspiel«. Anstelle des liturgischen »Opfermahls« der katholischen Kirche
hielten sie ein feierliches gemeinsames Mahl, ähnlich dem »Liebesmahl« der
Urkirche. Häufig beteten sie das Vaterunser, wobei sie allerdings nicht vom
irdischen sondern vom »geistigen« Brot (pain suprasubstantiel) sprachen. Sie
lehnten Kreuze mit Corpus ebenso ab wie die Fleischnahrung, die Kindertaufe und
jegliche Art von Gewalt oder Krieg. Ein häufiges Symbol war ihnen die Taube –
Symbol des Friedens und auch des heiligen Geistes. Gegenüber anderen
Glaubensrichtungen war Toleranz für sie selbstverständlich.
Die Welt entstand durch
den Fall
Das Hauptanliegen der Katharer und der Grund für ihre ernste Grundhaltung war
der Kampf gegen das Böse, das nach ihrer Überzeugung hinter der Welt mit ihren
Kriegen und Schlechtigkeiten aller Art stand und alle äußere Materie durchdrang.
Das Böse musste zunächst jedoch im Herzen jedes einzelnen selbst erkannt und
bekämpft werden durch den Weg der inneren Reinigung. Nach dem Glauben der
Katharer konnte Gott die Welt unmöglich so geschaffen haben, wie sie ist - sie
ist vielmehr eine Folge des Abfalls von Gott vor langer Zeit. Wie dies genau vor
sich gegangen war, darüber entstanden allerdings im Laufe der Zeit
unterschiedliche Ansichten. Wie bei den Bogumilen und Paulikianern gab es auch
bei den Katharern »gemäßigte« und »radikale Dualisten«: Während die Radikalen
meinten, der »böse Gott« habe schon immer bestanden, waren die »Gemäßigten« der
Ansicht, dass das Böse nur eine »Abspaltung« vom guten Gott ist. Ein Großteil
der südfranzösischen Katharer neigte Ende des 12. Jahrhunderts nach dem Besuch
eines Gesandten der »radikalen« albanischen Bogumilenkirche offenbar mehr zur
»radikalen« Denkrichtung, das Böse habe immer schon bestanden. Solche
Meinungsverschiedenheiten gab es in vielen Bewegungen. Dabei ließen sich einige
der Katharer zu Diskussionen und sogar gegenseitigen Verfluchungen hinreißen,
was die Bewegung möglicherweise noch angreifbarer machte, als sie es durch Roms
Vernichtungswillen ohnehin schon war.
Ideen kann man nicht ermorden
Das schmälert aber nicht den unglaublichen Mut, mit dem
Hunderte von Katharer, keineswegs nur die parfaits, nach Augenzeugenberichten
ohne Klagen und Angst, ja teilweise sogar freudig singend in den Tod gingen. War
ihnen dies möglich, weil die Welt mit ihren Verlockungen und Verstrickungen für
sie bereits vorher »gestorben«, also überwunden war? Weil sie mit ganzer Seele
auf die geistige Welt bezogen waren und von dort in einer Weise Kraft und Trost
empfingen, die für Außenstehende nicht nachvollziehbar war?
Die römische Kirche hat jedenfalls wegen dieser todesmutigen Katharer die
systematische Inquisition eingeführt. Und sie hat nicht nur einen grausamen
Vernichtungskrieg gegen sie (und gegen das gesamte südliche Frankreich) vom Zaun
gebrochen – sie hat die Vernichtung und Ausrottung Andersgläubiger auch durch
Päpste und Heilige (wie Bernhard von Clairvaux oder Thomas von Aquin)
ideologisch »rechtfertigen« lassen. Damit verlor sie jedoch ihre letzte
Glaubwürdigkeit. »In diesem Sinne kann man sagen, dass die Häresie der Kirche
einen Schlag versetzt hatte, von dem sich diese nicht wieder erholen sollte.«**
Der Katharismus überlebte die Katastrophe von Montségur noch um einige Zeit.
Denn man hatte rechtzeitig einige Parfaits aus der belagerten Festung
hinausgeschleust – was später wohl zu der Legende geführt hat, man hätte einen
»Schatz« in Sicherheit gebracht. Doch die Dominikaner und andere Inquisitoren
hetzten sie mit Hunden durch Wälder und Höhlen der Pyrenäen, mauerten die
letzten einige Jahrzehnte später in einer Höhle lebendig ein. Immerhin: Noch im
14. Jahrhundert gab es versprengte Katharer in Sizilien.
Wesentlicher noch als das sichtbare Fortwirken der katharischen Bewegung ist der
untergründige Strom, der unaufhaltsam weiter fließt. Man kann zwar die Menschen
töten, doch das geistige Potenzial, das sie aufgebaut und vermehrt haben, bleibt
erhalten. Es speist den urchristlichen Strom, der immer wieder auftaucht und
Menschen berührt. So finden sich katharische Gedanken, symbolisch verschlüsselt,
in den Bildern eines Hieronymus Bosch ebenso wie in der klaren Forderung der
Waldenser oder Hussiten, der mährischen Brüder oder der Täufer nach einem
konsequenten, einfachen christlichen Leben. Die Hugenotten sind nicht zufällig
im Stammland der Katharer, in Südfrankreich, erfolgreich, so wie ein Savonarola
nicht zufällig in Florenz an die Bestrebungen der »Patarener«, wie die
italienischen Katharer genannt wurden, anknüpfen konnte.
Die Katharer haben ein Zeichen gesetzt: Dass es möglich ist, für ein
überirdisches Ideal einzutreten, auch wenn es äußerlich aussichtslos zu sein
scheint. Dass es sich lohnt, an das Gute nicht nur zu glauben, sondern es durch
das eigene Leben zu bezeugen. Dass es sinnvoll ist, für das Licht zu kämpfen und
in friedlicher Weise aufzuklären. Dass die geistige Energie dieses
übermenschlichen Opfergangs nicht verloren ging, zeigt sich im weiteren Verlauf
der Geschichte – nicht nur in religiöser, sondern auch in politischer Hinsicht:
Auch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts hätte ohne die Katharer wohl nicht in
dieser Weise stattfinden können. (Matthias Holzbauer)
* Walter Nigg, Das Buch der Ketzer, Zürich 1986,
S. 226 [Zurück]
** Eugen Roll, Die Katharer, Stuttgart 1979, S.
238 [Zurück]
Dieser wurde
auch in das Buch Verfolgte
Gottsucher von Matthias Holzbauer übernommen.
Die Serie "Verfolgte Gottsucher":
Einführung: Der Strom des
Urchristentums (4/02)
Teil 1: Markion deckt auf:
Verschwörung gegen die Wahrheit (7/02)
Teil 2: Montanus - Eine Stimme, die
nie hätte verstummen dürfen (8/02)
Teil 3: Mani - ein Kämpfer für die
innere Religion (9/02)
Teil 4: Origenes - der Diamantene
(10/02)
Teil 5: Die Paulikianer -
Hinwendung zum inneren Licht (11/02)
Teil 6:
Christliche Kelten - Das iroschottische Christentum (1/03)
Teil 7: Die Bogumilen - Die wahre
Kirche ist das Herz des Menschen (2/03)
Teil 8: Die Katharer - Das Gute durch
das eigene Leben bezeugen (3/03)
Teil 9: Girolamo Savonarola: "Der
wahre Tempel ist des Christen Herz" (4/03)
Teil 10: Waldenser, Hussiten, Täufer:
Die Sehnsucht nach dem neuen Jerusalem (5/03)
Journal
Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 3/03
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