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Krieg und Frieden
Die neue
Weltordnung
Die Neuordnung der Welt,
die sich gegenwärtig unaufhaltsam vollzieht, verheißt Unordnung und Chaos. Der
Begriff von der »neuen Weltordnung«, der zu Zeiten von Bush Senior aufkam, hat
längst einen makabren Beigeschmack.
Das erste und viel beklagte Opfer dieser unsäglichen Entwicklung
war das Völkerrecht: Die UN-Charta verbietet die Anwendung militärischer Gewalt.
Ausnahmen gelten nur dann, wenn ein Staat angegriffen wurde oder ein solcher
Angriff unmittelbar bevorsteht. Präventivkriege sind nach internationalem Recht
ein Kriegsverbrechen. Ob ein Angriff bevorsteht und militärische Verteidigung
gerechtfertigt sein soll, beschließt nach der Charta der Vereinten Nationen der
Sicherheitsrat. Präsident Bush junior erklärte dieses Gremium im Vorfeld seines
Krieges gegen den Irak für »irrelevant«, soweit es seine Kriegsabsichten nicht
billigen sollte. Da dies nicht geschehen ist, beabsichtigt die Supermacht auch
nach Beendigung des Krieges, die UNO links liegen zu lassen. Ausnahmen mögen für
humanitäre Hilfsaktionen gelten. Um Hunger, Krankheit und Flüchtlingselend soll
sich Kofi Annan weiter kümmern.
Als weiteres Opfer der Ausgärung einer neuen Weltregierung ist der
Abrüstungsprozess zu verzeichnen. Er wurde bereits vor dem 11. September 2001
beendet, als die Amerikaner den Vertrag über die Begrenzung der
Interkontinentalraketen aufkündigten (ABM-Vertrag). Moskau sträubte sich
zunächst, doch schließlich stimmte es zu. Im Umfeld des Irak-Kriegs und der
Krise um die Atomrüstung Nordkoreas zeichnet sich eine neue Rüstungsspirale ab:
Das Regime in Pjöngjang wurde offensichtlich deshalb so behutsam behandelt, weil
man seine Atombomben fürchtet. Schon wird gemunkelt, dass der Iran, ein weiteres
Glied auf der »Achse des Bösen«, ebenfalls nach Atomwaffen strebt. Auch Ägypten
steht seit einiger Zeit im Verdacht, Zubehörteile für schwere Raketen zu
importieren. Nachdem der Riese Goliath für sich in Anspruch nimmt, rund um den
Erdball nach dem Rechten zu sehen und einzugreifen, wann immer er seine
Sicherheit bedroht sieht, kann man es den vielen Davids kaum mehr verdenken,
wenn sie ihre Steinschleudern aufrüsten, um vor einem drohenden militärischen
Überfall auf ihr Land wenigstens noch Verhandlungen zu erzwingen.
Der Ego-Trip der
Supermacht
Zum Chaosprogramm der neuen Weltordnung gehört auch das
Verhalten gegenüber der Dritten Welt. Gegenwärtig tagt wieder die
Welthandelskonferenz, die den Welthandel im Zeitalter der Globalisierung
gerechter machen soll. Doch die Industrieländer denken wie immer zuerst an sich.
Ein krasses Beispiel ist der Patentschutz: Er macht Medikamente für Drittländer
unerschwinglich teuer, weshalb man vereinbaren wollte, Imitate zuzulassen. Doch
Amerika blockierte eine entsprechende Vereinbarung. Millionen von Kranken in den
armen Ländern haben das Nachsehen. Ein weiteres Beispiel ist die Landwirtschaft:
Hohe Agrarzölle und Subventionen hindern die Entwicklungsländer an einem
profitableren Welthandel. Man wollte die Agrarsubventionen abbauen. Statt dessen
erhöhte die USA ihre Subventionen um 80 % und die EU schlägt auf ausländische
Butter einen Zoll von 150 % auf. Dafür subventioniert sie jede einzelne Kuh mit
durchschnittlich zwei Dollar am Tag, das ist mehr als das, was der Hälfte der
Weltbevölkerung täglich zum Leben bleibt. Das mit den Zuschüssen produzierte
Milchpulver wird billig nach Afrika exportiert, was wiederum dazu führt, dass
die örtliche Landwirtschaft ihre Kundschaft verliert.
Die Richtschnur der neuen Weltordnung ist die Egomanie von Nationen und
Staatsführern. Der Aggression im Krieg folgt die Rücksichtslosigkeit im
Welthandel. Die Rückkopplung der Gewalttätigkeit kennt keine Grenzen. Wie sehr
dabei auch die Seelen der Menschen verrohen, zeigen die Szenen des jüngsten
Krieges, in denen der jeweilige Gegner mit martialischen Sprüchen verteufelt und
vernichtet wird. Zum Teil macht die Vernichtungswut auch vor Freunden und
Verbündeten nicht Halt: Ein amerikanischer Jagdbomber richtete bei klarer Sicht
und ohne den geringsten Anlass für einen Irrtum seine Bordkanone auf britische
Soldaten. Einer der Überlebenden berichtete: Ich hatte den Eindruck, dass ein
verrückt Gewordener seine Lust am Töten auslebte. Später erfuhr man, dass
amerikanische Soldaten Drogen erhalten, um besser kämpfen zu können (vgl.
auch Das Friedensreich Nr. 4/03, Druckausgabe, Teufelspille im Anmarsch). Ein Stimulans zum
Töten. Ob Freund oder Feind, ist dann nicht mehr so wichtig. Die Welt als
Kriegsschauplatz und Tollhaus ...
Wer bezahlt die Zeche?
Der deutsche Außenminister Joschka Fischer, ursprünglich ein
Grüner in Turnschuhen und mit pazifistischen Neigungen, inzwischen ein Diplomat
in Lackschuhen und mit staatstragenden Ansichten, gab immerhin zu bedenken:
»Durch Krieg kann ein Sieg erreicht werden, aber niemals der Friede.« Wie wahr!
Im Irak wird man das noch zu spüren bekommen. Ebenso in den benachbarten
arabischen Ländern – in Syrien, Jordanien und Ägypten –, in denen die
Bevölkerung gegen den »amerikanischen Kreuzzug« bereits rebelliert.
Und wer bezahlt die Zeche? Zunächst die getöteten Soldaten und Zivilisten, die
von Bomben und Granaten verstümmelten Frauen und Kinder. Aber auch Natur und
Tiere – die vielen Zugvögel in den Sumpfgebieten von Euphrat und Tigris und
unzählige Viehherden; im 1. Golfkrieg starben allein sechs Millionen Schafe. Wer
nicht mit dem Leben bezahlte, wird zur Kasse gebeten. Die internationale
Völkergemeinschaft wird Milliarden Summen aufbringen, um das zerstörte Land
wieder aufbauen zu lassen – vorwiegend durch amerikanische Firmen, wie es heißt.
Das Geld wird den Menschen in der Dritten Welt fehlen. Millionen werden weiter
verhungern.
Und was ist die Moral von der Geschichte? Solange der Krieg nicht ein- für
allemal geächtet ist, führt er immer wieder ins Chaos. So war es in der ganzen
Menschheitsgeschichte – von Babylon über Rom bis Washington. Die Grenzen
zwischen »gerechten Kriegen« und Eroberungsfeldzügen sind allemal fließend. Wer
den Frieden durch Krieg verteidigen will, produziert neuen Krieg. Auch deshalb
ist die Lehre des Jesus von Nazareth so weise: »Wer zum Schwert greift, kommt
durch das Schwert um.« Solange sich die Menschheit nicht daran hält, wird sie
von einer Katastrophe in die andere stolpern. Erst wenn die Bergpredigt zum
Inhalt der »neuen Weltordnung« wird, wird Frieden sein. (C. Sailer)
Lesen Sie auch:
Irak - der Kampf um das Öl geht weiter in der
Ausgabe Nr. 17/1998
Fühlen wir uns in die Menschen im Irak hinein in der
Ausgabe Nr. 4/2003
Journal
Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 5/03
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