Menschenströme kehren sich um – warum?

Die große Völkerwanderung

Nur die großen Unglücke schaffen es noch in die Schlagzeilen. Zum Beispiel der Untergang eines mit 250 Passagieren völlig überladenen Flüchtlingsbootes vor der tunesischen Küste. Nur rund 40 Schiffbrüchige konnten von der Küstenwache gerettet werden. In der Woche zuvor waren 70 Menschen ertrunken – ebenfalls bei dem Versuch, illegal die Küste Italiens zu erreichen.

Solche Katastrophen sind vorprogrammiert. Die Boote sind nicht nur hoffnungslos überladen. Sie sind auch meist Rost zerfressen und klapprig – gerade recht für ihre buchstäblich letzte Fahrt? Denn die Schleuserbanden, die mit den Flüchtlingen das große Geschäft machen, haben das Schiff schon abgeschrieben und in den Preis mit eingerechnet. Sie werden es nicht wieder sehen. Denn wenn es nicht untergeht, wird es am Zielort beschlagnahmt.
Hinter solchen Unglücksfällen verbirgt sich eine Massenbewegung, eine regelrechte Völkerwanderung. Eine halbe Million Menschen, so schätzt man, reisen jedes Jahr illegal nach Europa ein. Es sind in der Regel nicht mehr, wie noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, politisch oder religiös Verfolgte, die ihre Heimat verlassen und ihr Glück in der Fremde suchen. Es sind Menschen, die in ihren unterentwickelten Ländern keine Lebensperspektive mehr sehen. Oder die vor Umweltkatastrophen flüchten, vor abgeholzten Wäldern und ausgedörrten Böden. Wirtschafts- und Umweltflüchtlinge nennt man sie. Sie verkaufen ihre letzte Habe, um die horrenden Gebühren der Schleuser zu bezahlen, oft mehrere tausend Euro. Wenn sie Pech haben, werden sie dann schon einige hundert Meter vor der spanischen Küste einfach aus dem Boot gekippt und müssen sehen, wie sie an Land schwimmen können. Denn die Bootsführer wollen nicht der Polizei in die Hände fallen ...
Man weiß nicht, wie viele der illegalen Grenzgänger ihr Ziel nie erreichen und unterwegs ertrinken – vor den Küsten Spaniens, Italiens oder der Kanarischen Inseln. Es sind sicherlich einige Tausend im Jahr. Niemand kann sie identifizieren, denn sie haben ihre Pässe vorsorglich weggeworfen. Sie wollen dadurch vermeiden, geradewegs in ihre Heimatländer abgeschoben zu werden.

Andere wählen den Landweg und laufen Gefahr, in einem Container oder im Tankbehälter eines Lastwagens zu ersticken, wenn etwa an der Grenze kurzzeitig die Lüftung abgestellt wird. Im Juni 2000 fand man im englischen Dover 58 erstickte Chinesen in einem Lastwagen.

Nur wenige schaffen es bis Europa

Versuchen hier die Ärmsten der Armen in die Festung der Reichen, die »Festung Europa«, hineinzukommen? Das ist nicht ganz so. Denn wer es bis nach Europa schafft, gehört in seinem Herkunftsland oft schon zu einer Art Mittelklasse, hat eine gewisse Bildung und kann – meist mit Hilfe des ganzen Clans – die Schlepper-Mafia bezahlen. Was wir in Europa erleben, ist nur ein Teil, und zwar ein kleiner Teil, einer weltweiten Völkerwanderung. Experten schätzen, dass weltweit 50 bis 70 Millionen Menschen auf der Flucht sind vor Kriegen, Wirtschaftsmisere oder Umweltkatastrophen. Viele schaffen es nur bis ins Nachbarland – und vergrößern dort das Chaos. Während Marokkaner die Meerenge von Gibraltar zu überwinden versuchen, durchqueren ganze Trecks von Schwarzafrikanern die Sahara, um nach Libyen zu gelangen. Dort leben bereits mehrere 100.000 Schwarzafrikaner, und der Fremdenhass wächst.

Für alle Völkerwanderungen gilt, und zwar seit Jahrtausenden: Sie können durch staatliche Abwehrmaßnahmen zwar gebremst, verzögert oder umgeleitet, aber niemals auf Dauer wirklich aufgehalten werden. Trotz eines gigantischen Grenzzauns gelingt es jährlich Zehntausenden von Mittel- und Südamerikanern, von Mexiko in die USA zu gelangen. In Spanien rüstete man die Grenzpolizei mit Geldern der Europäischen Union auf, gab ihr schnelle Schiffe und erstklassige Radarschirme. Tatsächlich ging die Zahl der Illegalen im Bereich dieser Sicherung drastisch zurück. Doch dafür schwimmen die Nussschalen jetzt auf die Kanarischen Inseln zu, die ebenfalls zu Spanien gehören. Oder die Schleuser organisieren (gegen entsprechendes Aufgeld) größere Boote, die eben hundert Kilometer weiter nördlich anlanden. Man kann nicht die ganze Mittelmeerküste abriegeln.

Die Politiker wissen das. Die Sicherungsmaßnahmen sind teilweise wohl auch ein Zugeständnis an die Populisten unter ihnen, die mit Fremdenfeindlichkeit auf Stimmenfang gehen. Gleichzeitig wissen alle, dass Teile der Wirtschaft mit den illegalen Arbeitern ganz zufrieden sind. Sie arbeiten in der süditalienischen oder südspanischen Landwirtschaft als billige und ständig verfügbare Erntehelfer oder in den Städten auf dem Bau. Sie sind die Sklaven unserer Tage.

Kolonialismus im 3. Jahrtausend

Doch die Heimatlosigkeit, in die sich die Flüchtenden von heute, meist mehr getrieben als freiwillig, begeben, ist ein globales Phänomen: Auch in den Industrieländern ist der »mobile« Arbeitnehmer gefragt, der klaglos wie ein Nomade von einer Region zur anderen zieht, um kurzzeitig immer wieder einen neuen Arbeitsplatz zu ergattern, oft unterbezahlt oder auf Teilzeitbasis. Für bessere Jobs sucht man sich gut qualifizierte junge Leute aus der Dritten Welt – was für den einzelnen vielleicht eine Kariere bedeutet, doch was wird aus seinem Herkunftsland? »In früheren Zeiten beuteten die Kolonialherren die Rohstoffe der Kolonialländer aus. Heute die Qualifikation«, schreibt dazu der ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm (PM-Magazin Nr. 7/02). »Wo ist der fundamentale Unterschied? In beiden Fällen handelt es sich um Ausbeutung ... Heimat, Familie, Nachbarschaft, Freundschaft werden zu Störfaktoren.«

Alle äußeren Abschottungs-Maßnahmen gegen illegale Wirtschaftsflüchtlinge sind letztlich nur ein Kurieren am Symptom. Wo liegen die Ursachen des Problems? Haben wir es hier vielleicht mit einer der Kehrseiten der Globalisierung zu tun?
Die industrialisierten Länder haben nicht nur ihren Lebensstil und ihre Waren global verbreitet beziehungsweise zumindest global bekannt gemacht. Sie haben auch den Raubtierkapitalismus exportiert, der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht. Sie liefern Waffen in Krisengebiete wie den Kongo und profitieren zumindest indirekt von den Bürgerkriegen z. B. im Kongo oder (in der jüngsten Vergangenheit) in Angola, wo es letztlich um den Besitz von Rohstoffen wie Diamanten, Erdöl oder Coltan geht. Sie investieren mit großer Rendite in Erdölpipelines quer durch die Regenwälder, in Riesenstaudämme oder Sojaplantagen im Amazonasbecken. Sie erheben Zölle auf verarbeitete Produkte, aber keine auf Rohstoffe.

Damit soll nicht geleugnet werden, dass es in den so genannten Entwicklungsländern auch hausgemachte Probleme gibt, die z. B. in der Mentalität oder in starren Traditionen begründet sind. Doch weshalb waren die Europäer hier keine Vorbilder? Es ist sicher kein Zufall, dass sich 500 Jahre nach der Entdeckung Amerikas und nach der Eroberung der Welt durch die so genannten christlichen Nationen die Einwanderungsströme umgekehrt haben: Verbreiteten sich bisher die Indoeuropäer über die ganze Welt, so drängen heute die Menschen aus den Ländern, die sie erobert und unterworfen haben, nach Europa und Nordamerika. Ursache und Wirkung? Die industrialisierten Länder haben ihr Ellbogendenken, ihren Egoismus exportiert. Jetzt stehen Menschen vor der Tür, die genau darunter gelitten haben.
Ist nicht die heute sich abzeichnende weltweite Völkerwanderung eine gigantische Bankrotterklärung eines Scheinchristentums, das nicht die Bergpredigt des Nazareners, sondern ihr glattes Gegenteil in die Welt getragen hat: Ego pur, Raubtierkapitalismus, Gewalt und Brutalität gegen Mensch und Natur?

Sind wir nicht alle heimatlos?

Vielleicht ist die äußere Heimatlosigkeit, die heute so viele Menschen erleiden, so etwas wie ein Spiegelbild einer inneren Heimatlosigkeit, die alle Menschen, auch die scheinbar sesshaften, betreffen kann. Wäre es überhaupt mit der Welt so weit gekommen, wenn wir Menschen uns unserer inneren Heimat und unserer geistigen Herkunft bewusst wären? Hätten wir dann ein Wirtschaftssystem hervorgebracht, in dem die Natur vergewaltigt und die Tiere gequält werden? Hätten die scheinbar christlichen Völker die Welt mit Waffengewalt erobern und die einheimischen Strukturen zerschlagen können? Oder wäre ihnen dann nicht bewusst gewesen, dass alles, was lebt, eine Einheit ist, weil es von Gott seinen Atem hat, und dass alles, was wir aussenden, indem wir gegen diese Einheit verstoßen, wieder auf uns zurückkommt?

Wir sagen so einfach: »Wir sind alle Kinder Gottes.« Doch was bedeutet das? Welche Auswirkungen hat es auf unser Leben? Hören wir einmal, was ein Mensch sagt, der mit der inneren Heimat, mit Gott, in beständigem Kontakt steht: Gabriele, die Prophetin und Botschafterin Gottes für unsere Zeit, sagte vor kurzem in einer Schulung des Inneren Weges: »Wir sind ständig vor uns selber auf der Flucht und haben Angst, kein Zuhause zu haben. ... Wir sind unglücklich, weil wir das Glück unserer wahren Heimat verloren haben. Wenn wir nämlich alles bereinigen und sagen: ´Ich bin glücklich in meinem Herzen` – dann sind wir glücklich, in unserer Heimat zu sein, bei Gott.« Dann erwacht in uns auch das Bewusstsein für die Einheit aller Lebensformen der Natur – und das Bewusstsein auch für die Einheit der Erde. Und was in scheinbar fernen Ländern passiert, kann uns nicht gleichgültig sein. Die Auswirkungen sind ohnehin längst zu spüren. (Matthias Holzbauer)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 8/03


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