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Tierrechte Stierkämpfe - Am 24. November 2003 fand in Brüssel eine Verhandlung besonderer Art statt: Zahlreiche europäische Tierschutzorganisationen mit Hunderttausenden von Anhängern haben gegen die Barbarei der Stierkämpfe in Spanien, Frankreich und Portugal Anklage vor dem Internationalen Gerichtshof für Tierrechte erhoben. Leider ist der Gerichtshof noch keine offizielle Institution der Europäischen Gemeinschaft; als Einrichtung der Schweizer Umweltstiftung Fondation Weber hat dieses Tribunal jedoch längst öffentliche Anerkennung erlangt. Vergangenes Jahr tagte das Gericht in Genf und verhandelte über die Folter der Massentierhaltung. Heuer ging es um die grausame Tradition der Stierkämpfe. Wir nehmen dies zum Anlass, über den Gegenstand dieses Aufsehen erregenden Mordprozesses zu berichten. Die Vorbereitung der Mordopfer Was würden Sie sagen, wenn man Sie auf dem Spaziergang durch die
Landschaft plötzlich verhaften und dann folgendermaßen behandeln würde: Man
bricht Ihnen mit einer Zange die Zähne ab – ohne Betäubung, man spickt Ihre
Geschlechtsteile mit abgebrochenen Nadeln, man flößt Ihnen kiloweise scharfe
Abführmittel ein, sodass Ihr Darm zu explodieren droht, man reibt Ihre Augäpfel
mit Vaseline ein, sodass Sie alles nur durch einen Schleier sehen, man schlägt
Sie 20 bis 30 mal in die Nierengegend, sodass Sie ständig einer Ohnmacht nahe
sind, man reißt Ihnen die Fußnägel aus und spreizt Ihnen Holzteile zwischen die
Zehen, und schließlich reibt man Ihnen Füße und Beine mit Terpentin ein, sodass
Sie vor brennendem Schmerz auf- und abspringen. Wussten Sie, dass der Stierkampf kein Wettstreit zwischen Mensch und Tier ist, sondern nichts anderes als die barbarische Folter wehrloser Tiere durch ruhmsüchtige Sadisten, denen der Stier nun begegnet, wenn er die Arena betritt: Zu Pferde kommen sie auf ihn zu und stechen mit Lanzen auf ihn ein, während eine blutgierige Menge die Picadores anfeuert. Je kunstvoller die Folter, umso größer der Beifall. Dann kommen die Spieße mit den Widerhaken, die man dem Stier ins Fleisch stößt und dort baumeln lässt. Noch mehr Blut, noch mehr Schmerzensschreie, noch mehr Beifall von den Rängen – ein rohes Gejohle, das sich an unsäglichem Leiden ergötzt. In der Arena werden Menschen zu Monstren. Ein satanisches Ritual Dann nähert sich der Held der Arena, fein gekleidet wie ein Edelmann des 17. Jahrhunderts, ausgerüstet mit einem Degen und einem roten Tuch. Tänzelnd wie eine Primadonna lockt er den Stier, um einen Kampf vorzutäuschen, der längst keiner mehr ist: Sein Gegner ist bereits blutüberströmt und schleppt sich mit sechs Spießen im Leib durch die Arena – den Kopf gesenkt, nicht aus Angriffslust, sondern weil ihm die Nackenmuskeln durchtrennt wurden, damit er für den Degen des tapferen Toreros ein leichteres Ziel abgibt. Wehe dem Stier, wenn er hinfällt und sich vor Schwäche gar niederlegen will. Er darf noch nicht sterben. Man zerrt ihn an Schwanz und Hörnern hoch, der Stier muss »kämpfen«, damit ihn der Mordbube in Samt und Seide für 100.000 Euro fachgerecht abstechen kann – ein Sadist vom Scheitel bis zur Sohle, grausam und feige, eitel und geldgierig, der den sterbenden Stier auch noch schändet, indem er ihm Ohren und Hoden abschneidet, um sich mit solchen Trophäen auf obszöne Weise feiern zu lassen. Nirgends wird den niedrigsten Instinkten des Menschen öffentlich so ungeniert gefrönt wie in den Stierkampfarenen. Und dennoch begeben sich Regierungschefs und Minister aus Spanien und Frankreich in die Hexenkessel der Grausamkeit in Salamanca und Madrid, in Nimes und Carcassonne, um sich an den Ritualen solcher Stierkämpfe zu erfreuen. Was sind das für Menschen, die im Namen der Tradition oder aus Gründen ihrer Karriere solche Grausamkeiten fördern? Es sind Bürgermeister und Minister, die für die staatliche Subventionierung dieses schändlichen Vergnügens sorgen. Es sind Bischöfe und Pfarrer, die das satanische Spiel segnen und auch selbst auf den Rängen sitzen. Es ist die Masse gaffender Spanienurlauber, die zunächst glauben, »das muss man sehen«, aber sich vielfach auch entsetzt abwenden, weil sie den Blutrausch der Arena nicht gewohnt sind. Und es ist die dünne Schicht der »Aficionados«, der fanatischen Anhänger der Tiermassaker, einer Minderheit, deren politischer Einfluss über die Regierungskanzleien von Madrid und Paris bis in die EU-Kommission reicht, um zu verhindern, dass diese tier- und menschenunwürdige Barbarei ein Ende findet. Seelenvergiftung Außerhalb von Kriegen und Völkermorden wird die öffentliche Moral nur an wenigen Orten so untergraben wie in Stierkampfarenen. Das grausame Töten eines prächtigen Tieres wird als Volksvergnügen zelebriert, das die Seele der Zuschauer vergiftet. Wie dieses Gift wirkt, sagte jüngst der brasilianische Bestsellerautor Paolo Coelho bei einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel: Als er das erste Mal zuschaute, war er »schockiert«, er konnte »nicht mal mehr hinsehen« und dann: »Nach meinem Schock kam der zweite Kampf, und der dritte und der vierte ... So wurde Stierkampf zu einer Leidenschaft« – einer reichlich perversen, wie seinen Worten zu entnehmen ist: »Ein guter Stierkampf ist wie eine Hochzeit zwischen dem Stier und dem Matador. Sie verführen sich gegenseitig. Ein schlechter Kampf ist es, wenn sie sich nicht lieben. Das kann verschiedene Gründe haben. Mal hat der Kämpfer zu viel Angst, mal ist der Stier schon zu zerstört. Es kommt dann zu keiner Liaison zwischen den beiden. Sie können keine Beziehung zueinander aufbauen.« Welche Abgründe der menschlichen Seele sich in der Arena auftun, zeigen auch die Äußerungen prominenter Kleriker: Der bekannte Dominikanerpater Jean-Louis Bruguis bezeichnete die Stierkämpfe »als innerliche Reinigung« und der »Arenenpfarrer« von Nimes charakterisierte das Todesritual mit dem Stieropfer gar als »Liturgie«. Ist das eine Reminiszenz an die Stieropfer des Alten Testaments oder die Blutmystik der katholischen Messe? In den meisten Arenen gibt es Kapellen, in denen die Toreros vor dem Kampf gesegnet werden. Die spanische Kirche organisiert sogar selbst Stierkämpfe, bei denen alle Würdenträger und Lokalpolitiker anzutreffen sind. Am 2.6.2003 sagte der Dominikanerpater Pierre Etienne Veille dazu: »Der Stierkampf ist ein Kampf des Menschen gegen das Tier und seine Bestialität. Er muss die Sünde und das Tierische in sich töten, um die Menschlichkeit in sich freizusetzen.« Ob der Mann schon einmal etwas von Jesus von Nazareth gehört hat – der von Seiner Warnung, zum Schwert zu greifen, um nicht dadurch umzukommen, den Degen des Toreros nicht ausgenommen hat. Damit »Aficionados«, wie der brasilianische Schriftsteller Coelho und die Kleriker aus Spanien und Frankreich nicht aussterben, wird auch die Jugend rechtzeitig an die perverse Todesmystik der Stierkampfarena gewöhnt. Es gibt Stierkampfschulen in Spanien und Frankreich, in denen sich Kinder an kleinen Kälbchen im grausamen Umgang mit Tieren üben können. Der Initiative Anti-Corrida liegen Videoaufnahmen aus einer Stierkampfschule vor, die schwer verletzte Tiere zeigen, die sich am Boden winden. Man hat ihnen bei vollem Bewusstsein die Ohren und Schwänze abgeschnitten, und sie brüllen vor Schmerz. Selbstverständlich haben Kinder auch Zugang zur Stierkampfarena der Großen – bis zum Alter von 10 Jahren kostenlos, damit sie sich rechtzeitig an den Blutrausch gewöhnen. Ein Volk ist dagegen Wie morbid ist Europa, dass es derartiges noch heute duldet? Wir
mokieren uns über die Grausamkeit römischer Zirkusspiele, ohne zu merken, dass
in spanischen und französischen Stierkampfarenen altrömische Blutgier wieder
auferstanden ist; zwar nicht gegen Löwen und Elefanten – die überließen wir
jahrzehntelang den Großwildjägern, sodass sie fast ausgestorben sind; auch nicht
gegenüber Christen – die sitzen heutzutage auf den Rängen und feuern Toreros zum
Töten der Stiere an, wie einst die römische Plebs die Gladiatoren zum Töten von
Löwen und Sklaven. Der Mensch als reißender Wolf – Urbild oder Zerrbild
europäischer Kultiviertheit? Ende des 18. Jahrhunderts war in Spanien unter Karl
IV. der Stierkampf schon einmal verboten. Sein Sohn führte ihn wieder ein. 1937,
als Spanien Republik war, wurden die Arenen erneut geschlossen. Doch Franco,
blutbefleckter Sieger des Bürgerkriegs und Diktator, öffnete sie wieder, um nach
alter Cäsarenmanier den Untertanen »Brot und Spiele« zu verschaffen. Auch in Frankreich werden die Anhänger der Folterknechte in der Arena immer weniger. 80 bis 90 % der Bevölkerung halten den Stierkampf nicht für eine kulturelle Errungenschaft, sondern wollen ihn abschaffen. Doch maßgebliche Politiker zeigen sich immer noch hartleibig, bis hin zur Umweltministerin Rosalyne Bachelot und dem Regierungschef Jean-Pierre Raffarin. Sie sind nicht nur selbst in der Arena zu finden, sondern unterstützen die Todesspektakel auch politisch. Rechtsbeugung im Namen der Grausamkeit Am größten ist die Schizophrenie der Gesetzgebung: Sowohl in
Frankreich als auch in Spanien steht Tierquälerei unter Strafe. Doch für die
Quälerei beim Stierkampf werden jeweils Ausnahmen gemacht: Wenn in einem Ort
Stierkämpfe zur Tradition gehören, sollen sie erlaubt sein. Und über allem thront in erhabener Gleichgültigkeit die Europäische Kommission. Wenn BSE droht, dann kümmert sie sich zwar darum, dass das Fleisch von Kampfstieren nicht in den Metzgerladen kommt, weil die Tiere nicht seuchengerecht umgebracht wurden und die BSE-Erreger nicht ausgeschieden werden konnten. Doch wenn es darum geht, auf höchster Ebene eine europäische Kulturschande abzuschaffen, wird getrickst und manipuliert. Anders kann man den Inhalt des Amsterdamer Tierschutzprotokolls kaum werten: Es verpflichtet die Gemeinschaft sowie die Mitgliedstaaten, dem Wohlergehen der Tiere in vollem Umfang Rechnung zu tragen. Doch dann kommt die Einschränkung: Die Beachtung des Wohlergehens der Tiere erfolgt durch die Gemeinschaft und die Mitgliedstaaten nur unter Berücksichtigung der »Gepflogenheiten der Mitgliedstaaten, insbesondere in Bezug auf religiöse Riten, kulturelle Traditionen und das regionale Erbe«. Der ständige Vertreter Spaniens bei der EU, Javier Elorza, brüstete sich nach einem Bericht der Zeitung La Vanguardia, wie es ihm gelungen ist, den europäischen Tierschutz zugunsten der Stierkämpfe zu durchlöchern: Es habe ihn nur ein paar Gespräche mit einem fähigen EU-Juristen gekostet, um das Gebot, dass Tieren nichts zuleide getan werden dürfe, durch den Satz zu ergänzen – »unter Respektierung der kulturellen Traditionen«. Die Anklage Zu der Verhandlung des Internationalen Tiergerichtshofs, die in Brüssel stattfand, waren sie nun alle eingeladen, um nicht zu sagen: vorgeladen, um sich vor der europäischen Öffentlichkeit zu verantworten: der Kommissionspräsident Prodi, der Agrarkommissar Fischler, die Regierungschefs von Frankreich und Spanien und die zuständigen Minister. In der Vorladung hieß es u. a.: »In der Überzeugung, als kultivierte Menschen in zivilisierten Staaten zu leben, geben sich die Europäer gegenwärtig eine eigene Verfassung, in der Menschenrechte und hoch stehende Unionsziele festgeschrieben werden sollen. In eklatantem Widerspruch dazu steht jedoch die Behandlung der Mitgeschöpfe des Menschen – der Tiere. Unvorstellbare Grausamkeiten finden bei den Stierkämpfen in Spanien, Frankreich und Portugal statt. Deshalb macht der Internationale Tiergerichtshof die Barbarei der Stierkämpfe zum Gegenstand seiner diesjährigen Verhandlung. Von der Anklage betroffen sind insbesondere:
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