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Woher kommt die Milch? Wie bei allen Säugetieren – also auch bei uns Menschen – produzieren die Milchdrüsen von Kuhmüttern erst nach der Geburt eines Kälbchens die Milch. Das machte sich der Mensch zu Nutze und hält sich Milchkühe als so genannte Nutztiere: Die Hälfte aller Landwirte in Deutschland betreiben Milchproduktion. Um die Vorgänge in dieser Art von Nutztierhaltung besser verstehen zu lernen, möchten wir hier den Lebenslauf eines jungen weiblichen Rindes beschreiben – nennen wir sie »Heidi«: Heidi kommt zur Welt Sie wird in der Schattenwelt der Milchproduktion gezeugt, geboren und
aufgezogen. Jetzt im Alter von 18 Monaten soll sie befruchtet werden, damit sie
ein Kälbchen zur Welt bringt. Ihr Nutztierhalter kauft dazu tiefgekühltes Sperma
von einem so genannten Spitzenbullen, den er sich aus dem Versandkatalog einer
Besamungsstation ausgesucht hat. Wir sehen: die Zeiten der Dorfstiere sind
vorbei. Im Jahr 2001 z. B. wurden mit dem Samen eines einzigen Holsteiner-Bullens
(»Lake«) 65.000 Kühe besamt. Dieser Stier gehört zu einer dienstleistungsstarken
Rasse, d.h. seine Kinder geben viel Milch und viel Fleisch. Nun aber zurück zu
Heidi: Nachdem sie ein paar Hormonpräparate schlucken musste, damit das teure
Sperma sie auch sicher befruchtet, lässt sie das technische Prozedere der
Besamung aus der Plastikspritze geduldig über sich ergehen. Heidis »Leben« geht weiter Für die Mutter nimmt das »Leben« seinen gewohnten Lauf: Sie wird morgens und
abends gemolken. Über 30 Liter am Tag. Nicht ihr Kälbchen kann sie mit ihrer
Milch erfreuen, ja nicht mal ein Mensch melkt sie, sondern eine Maschine
erledigt den Job: Fünf Minuten um 6 Uhr in der Früh, fünf Minuten um 6 Uhr
abends. Dazwischen vegetiert Heidi im viel zu engen Stall vor sich hin, zusammen
mit ihren Schicksalsgenossinnen. Sie hat ständig Hunger und Durst, weil ihre
enorme Milchleistung sie auszehrt. ¾ ihres Futters isst sie nur, damit ihr
Körper die Milch erzeugen kann. Dann wieder zum Melken, dann wieder was essen, dann wieder wiederkäuen, dann
wieder schlafen, dann wieder alles von vorne, tagein, tagaus. Heidi versteht
nicht, was ihr Nutztierhalter mit ihr tut. Sie weiß nicht, dass sie mit normalem
Gras und Kräutern und einem normal säugenden Kälbchen knapp die Hälfte der Milch
geben würde, ohne körperlich und psychisch ausgelaugt zu sein. Statt dessen
bekommt sie Kraftfutter, was sie von sich aus nie essen würde, doch ohne dieses
Futter könnte sie vor Schwäche nicht mehr aufstehen. Ihr Nutztierhalter weiß sehr
wohl, dass ein Leben auf der Weide für Heidi optimal wäre, doch will er sie als
Hochleistungskuh nützen, wie die anderen Nutztierhalter auch, die von der
Milchproduktion leben. Und somit stellen für ihn die Fütterung, das Melken, der
Auf- und Abtrieb und die Entfernung der Weideflächen unlösbare Probleme dar.
Heidi bleibt also immer im Stall. Heidi kann nicht mehr Heidi ist fix und fertig. Die ständige Auslaugung durch das vampirhafte
Melken der Maschine und die drei anstrengenden Schwangerschaften unter diesen
tristen Umständen haben sie matt und mutlos gemacht. Die Euterentzündungen
werden immer häufiger, die Tierarztrechnungen immer höher, bis schließlich der
Nutztierhalter beschließt, Heidi durch ihre Tochter Vroni zu ersetzen, weil dies
für seine Kosten-Nutzen-Rechnung günstiger sei. Heidi wird als »Altkuh« entsorgt Heidi wird im Alter von gut fünf Jahren geschlachtet. Dieses Schicksal teilen mit ihr die meisten der Milchkühe. Im Jahr 2000 haben die deutschen Nutztierhalter in der Milchproduktion folgende Umsätze gemacht: 8,1 Milliarden Euro Umsatz mit Milch, und damit gekoppelt 3,1 Milliarden Euro Schlachtumsätze mit Kälbern, Rindern und Altkühen, was ca. 13 kg Fleisch pro Kopf und Jahr bedeutet. Die Nutztierzüchter verlangen von einer Zuchtkuh eine jährliche Milchleistung von 13 zu 1 bezogen auf das Lebendgewicht. Würde man das selbe mit uns Menschen machen, so müsste eine stillende Menschenmutter mit einem Gewicht von 60 kg täglich 2,6 Liter Muttermilch geben (normal sind 0,8 Liter!) – nur mal so zum Nachdenken. Und wie denken die Nutztierzüchter? Schon vor 80 Jahren sagte Prof. Kronacher
von der Uni Berlin: »Die Erzüchtung und Benutzung höchstleistungsfähiger Tiere
stellt sich als eine selbstverständliche Grundforderung sachgemäßen
Landwirtschaftsbetriebes dar«. Nun denn: dann wundert einen ja nichts mehr ...
(Christoph Michels)
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