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Papst erhält den Karlspreis Der Etikettenschwindel von Aachen Die Stadt Aachen macht jährlich zweimal von sich reden: am Rosenmontag, wenn sich die Narren austoben; und am Himmelfahrtstag, wenn die Honoratioren den Karlspreis verleihen. Während die Karnevalsitzungen für die lokale Komik sorgen, sind die Preisverleihungen internationale Spektakel, bei denen Komik eher unfreiwillig stattfindet. Denn Kaiser Karl hat mit Frieden und Völkerverständigung, um die es in den Festreden geht, genauso viel zu tun wie beispielsweise Donald Rumsfeld mit der Arbeit der Heilsarmee. Als Deutschland nach dem 2.Weltkrieg noch darnieder lag, hatten 1949 einige Aachener Bürger den Einfall, die Tradition der alten Kaiserpfalz Aachen und den Namen Karls des Großen zu einem symbolträchtigen, jährlich zu verleihenden Preis zu verbinden – zur höheren Ehre Aachens und Europas. Den Namen des Preises liefert Karl als der »Begründer abendländischer Kultur«, wie es in der Proklamation des Jahres 1949 heißt. Als Ziel des Preises wird »eine Verpflichtung von höchstem ethischen Gehalt« genannt, der »freiwillige Zusammenschluss der europäischen Völker, um in neu gewonnener Stärke die höchsten irdischen Güter – Freiheit, Menschlichkeit und Frieden – zu verteidigen, den unterdrückten und Not leidenden Völkern wirksam zu helfen und die Zukunft der Kinder und Enkel zu sichern.« Wer könnte dazu »nein« sagen! Das Abendland rief, und alle, alle kamen, um sich im Namen des ersten Einigers Europas auszeichnen zu lassen: In den 50er Jahren Adenauer und Churchill, in den 80ern Henry Kissinger und Helmut Kohl. Regierungschefs und Minister, Staatspräsidenten und Könige schwelgten in der Aura europäischer Geschichte und ihres mächtigsten Kaisers. Taufe oder Tod? Ob sie sich wohl alle bewusst waren, was sich mit dessen Namen alles verbindet? Nicht nur der kulturelle Aufschwung an den Hochschulen von Aachen und Ingelheim; nicht nur eine althochdeutsche Grammatik des bildungsbeflissenen Regenten, der erst als Kaiser richtig lesen und schreiben lernte; sondern vor allem rund 50 blutige Feldzüge, die er während seiner Regierungszeit von 768 bis 814 führte. Die Aachener Lieblingspfalz des Kaisers war nicht nur ein Hort der Gelehrten und Konkubinen Karls, sondern vor allem ein militärisches Hauptquartier, von dem er immer wieder auszog, um die europäischen Völker mit Feuer und Schwert seiner weltlichen Macht und dem römisch-katholischen Glauben zu unterwerfen - die Sachsen, die Araber, die Slawen und die Awaren, die Dänen und viele andere ... Es blieb so gut wie niemand verschont. Alle mussten sich taufen lassen; wer sich weigerte, wurde hingemetzelt. Im Jahr 782 ließ der Imperator bei Verden auf einen Schlag die gesamte sächsische Elite, 4500 Edelleute, hinrichten. In Gebieten, die er eroberte, wurde geplündert und gemordet, standrechtlich erschlagen, vergewaltigt und verschleppt. Karl der Große hat mit Sicherheit mehr Menschen auf dem Gewissen als mancher Massenmörder aus Jugoslawien, der heute vor dem Hager Strafgerichtshof steht. Am Ende reichte Karls Imperium von den Pyrenäen nach Friesland und vom Ärmelkanal bis an die Enns. Historische und moralische Schieflage Deshalb gilt der Kaiser, der sich selbst den »Großen« nannte, als der »Einiger Europas«, von dem die Aachener Stadtväter und ihre preishungrigen Gäste schwärmen, wenn sie mit dem Karlspreis »eine Brücke zwischen europäischer Vergangenheit und Zukunft« schlagen und eine »Verpflichtung von höchstem ethischen Gehalt« proklamieren. Selten entfernte sich ein Mythos so weit von der Realität. Eine bizarre Geschichtsklitterung führte zu einer Tradition, bei der ein mittelalterlicher Kriegsverbrecher als Begründer des christlichen Abendlandes gefeiert wird und sein Ungeist für Europas Zukunft Pate stehen soll. Dass Henry Kissinger, Winston Churchill und Tony Blair sich im Namen des Machtmenschen Karl feiern lassen, mag nicht verwundern; doch was dachten sich die vielen anderen, die sich den Preis abholten? Selbst wenn sie die Brutalität Karls verdrängen, müssten sie eigentlich wissen, dass sein blutig zusammen gezimmertes Reich nach seinem Tod sofort wieder zerfiel. Die »Einigung Europas« war damals nur eine kurze Episode. Wann bringt jemand den Mut auf, nicht nur die historische, sondern auch die moralische Schieflage des Aachener Preises mit der Ablehnung der Preisverleihung zu quittieren? Historische Symbolik ist zu energiehaltig, um damit zu spielen, und zu ernst, um zu lachen und die Aachener Karlspreisverleihung als Fortsetzung des Aachener Karnevals abzutun. Bündnis von Staat und Kirche In diesem Jahr begibt sich der Festzug der Preisverleiher nach Rom. Der Papst
soll einen »außerordentlichen Karlspreis« erhalten, wie es heißt. Er sei ein
»herausragender Europäer«, versichert der Aachener Oberbürgermeister zur
Begründung dieser Sonder-Preisverleihung, für die es »keine Wiederholung geben«
werde. Johannes Paul lebe europäische Werte, die seit der Antike geprägt worden
seien, den Menschen weltweit vor. Er habe dazu beigetragen, den Kalten Krieg zu
überwinden und den Eisernen Vorhang zu beseitigen. Ob man auch Gorbatschow
einlädt und die Demonstranten aus Leipzig, wenn man den Fall der Mauer als
päpstliche Ruhmestat preist? Und ob bei den Festreden über die europäischen
Werte, die der Papst repräsentiert, wohl jemand auf die Idee kommt, an das
Unheil zu erinnern, das die Kirche über die Menschheit brachte? Solche
Spielverderber werden mit Sicherheit nicht eingeladen. Es wird keine Missklänge
geben bei der einmaligen Feier des Bündnisses von Staat und Kirche im Rom des
Jahres 2004, das Erinnerungen an das Bündnis von Kaiser und Papst am
Weihnachtstag des Jahres 800 aufdrängt. |
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