»Good-Aging«
Länger jung mit vegetarischer Ernährung

Der Mensch hat zum Altern ein sehr zwiespältiges Verhältnis. Als Kind möchte er rasch alt und groß werden und im fortgeschrittenen Alter würden die meisten Menschen viel dafür geben, wenn sie wieder jung wären. Doch wie wir uns im Alter fühlen, vital und energiegeladen oder müde und gebeugt, das können wir selbst mitbestimmen – z. B. durch eine gesunde vegetarische »Good-Aging-Ernährung«.

Bedingt durch die Fortschritte der Medizin gibt es immer mehr ältere Menschen. Es ist heute schon absehbar, dass durch eine Veränderung der Alterspyramide die sozialen Netze in der heutigen Form nicht mehr lange Bestand haben können.
Altern ist ein normaler biologischer Prozess, der weder durch Medikamente noch durch Ernährung oder irgendwelche Wundermittel aufgehalten werden kann. Deshalb ist der in Mode gekommene Begriff »Anti-Aging« etwas unglücklich gewählt, weil er suggeriert, dass der Alterungsprozess umkehrbar wäre.
Allerdings muss das Älterwerden nicht zwangsläufig mit zunehmender Gebrechlichkeit einhergehen. Es gibt durchaus sinnvolle und wirksame Möglichkeiten, vorzeitige Alterungserscheinungen zu beeinflussen. Ein ganz wichtiger Faktor dabei spielt die Ernährung.

Um den Einfluss der Ernährung zu verstehen, ist es zunächst erforderlich, sich mit der Biochemie und Molekularbiologie des Alterns zu beschäftigen. Der Alterungsprozess führt nicht bei allen Organsystemen zu den gleichen Leistungseinbußen.

Warum altert der Körper?

In der Medizin und Biochemie gibt es zahlreiche Alterungstheorien als Erklärungsmodelle, mit denen das Phänomen Altern naturwissenschaftlich erklärt werden soll. Unbestritten spielt die genetische Ausstattung des Menschen eine wichtige Rolle. Sie kann einen erheblichen Einfluss darauf haben, wie schnell und intensiv Alterungsprozesse ablaufen. Langlebige Tiere haben z. B. eine höhere Reparaturfähigkeit für DNA-Schäden als kurzlebige. Menschen mit genetischen Defekten in ihrer DNA-Reparatur haben eine verminderte Lebenserwartung.
Derzeit hat die Theorie der freien Radikale die größte Akzeptanz und Plausibilität. Freie Radikale sind Moleküle, denen ein oder zwei Elektronen fehlen. Um diese Elektronenlücke aufzufüllen, greifen sie die verschiedensten Biomoleküle an, die dann unter Umständen selber zu freien Radikalen werden.
Freie Radikale entstehen immer in gewissen Mengen im Stoffwechsel aufgrund der Tatsache, dass wir Sauerstoff zum Leben benötigen. Freie Radikale haben nicht nur negative Eigenschaften, sondern sie sind auch an Zellregulationsvorgängen beteiligt. Allerdings muss die Aktivität der freien Radikale in engen Schranken gehalten werden; dazu benötigt der Körper so genannte Antioxidantien. Zu den Antioxidantien gehören verschiedene körpereigene Stoffe, z. B. Enzyme sowie Vitamine, sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe und verschiedene Spurenelemente, die der Mensch über die Nahrung aufnimmt.

Freie Radikale entstehen vermehrt bei Stress, UV-Strahlung, Ozon, Leistungssport, Genussgifte, Überernährung, Entzündungen etc. Das Überwiegen der freien Radikale zu Ungunsten der Antioxidantien wird als oxidativer Stress bezeichnet und ist der wesentliche Faktor für zelluläre Alterungsprozesse.

Mit zunehmendem Lebensalter kommt es zu vermehrten Schäden und Strukturänderungen wichtiger Biomoleküle:

  • Peroxidation von Fetten

  • Oxidation von Aminosäuren

  • Vernetzung von Proteinen (Cross-Linking)

  • Bildung von Zucker-Eiweiß-Verbindungen (Verzuckerung)

  • Nachlassende Aktivität der Enzyme

  • Verminderte Enzymbildung

  • Verminderte Entgiftungskapazität der Zelle, dadurch

  • Ansammlung von Zellmüll

  • Vermehrte DNA-Schäden

  • Reduzierte Aktivität der DNA-Reparaturenzyme

  • Verminderte Proteinsynthese

  • Vermehrte Bildung von Auto-Antikörpern

Die DNA in jeder Zelle erleidet pro Tag ca. 55.000 Einzelstrangbrüche, die wieder repariert werden müssen.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Durch die Art der Ernährung können zelluläre Altersprozesse entweder beschleunigt oder verlangsamt werden.
Beschleunigend wirken:

  • Raffinierter Zucker

  • Gesättigte Fettsäuren

  • Arachidonsäure

  • Cholesterin

  • Hohe Methioninzufuhr

  • Antioxidantienmangel

  • Zu viel Kochsalz

  • Zu hohe Kalorienzufuhr

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass bei einer vitalstoffreichen und kalorisch knappen Ernährung die Bildung freier Radikale im Stoffwechsel vermindert ist (z. B. dinner canceling).
Vegetarische Ernährung ist eine effektive Anti-Aging-Therapie. Vegetarier haben:

  • Bessere Endothelfunktion

  • Bessere Fließeigenschaften des Blutes

  • Höhere Oxidationsstabilität des LDLs

  • Weniger DNA-Schäden

  • Höhere Insulinempfindlichkeit

  • Höhere Aktivität des Immunsystems

Pflanzliche Nahrungsmittel

1995 wurde erstmals der ORAC-Test in der Lebensmittelchemie und Ernährungsmedizin eingeführt. ORAC heißt Oxygen Radical Absorbing Capacity und bedeutet Redoxkapazität für Sauerstoffradikale.
Mittels des ORAC-Verfahrens kann man also feststellen, welche Nahrungsmittel besonders gute antioxidative Eigenschaften besitzen. In weiteren Studien konnte nachgewiesen werden, dass Menschen, die Obst und Gemüse mit hohen ORAC-Werten zu sich nahmen, die antioxidative Kraft ihres Blutes um bis zu 25 % steigern konnten. Interessant bei diesen Versuchen ist die Feststellung, dass spät, also reif gepflückte Früchte oder Beeren, wesentlich höhere ORAC-Werte aufwiesen als früh gepflückte.
(Dr. med. Hans-Günter Kugler)


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 7/04


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