Die evangelisch-lutherische Kirche in Michelrieth
und ihr Vorgehen gegen eine religiöse Minderheit im Dorf -
Welche Kräfte stecken dahinter?


Die Bekämpfung religiöser Minderheiten
 durch die Kirchen in Deutschland



"Im Mittelalter wären wir ganz anders mit euch umgesprungen"

(Friedrich-Wilhelm Haack, Sektenbeauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, zu Anhängern des Universellen Lebens;
http://ww3.steinadler-schwefelgeruch.de/buch/kapitel-3-8.html)

 

Die Kirchen verleumden Andersdenkende oft als "Sekten" und versuchen, vor allem ehemalige Kirchenmitglieder auf diese Weise zu diskriminieren und ihnen Schaden zuzufügen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Arbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in dem kleinen unterfränkischen Ort Michelrieth. Den Ort bezeichnete Pfarrer Michael F. als "urprotestantisch". Als friedfertige und um gute Nachbarschaft bemühte Andersgläubige, die sich zur Gemeinschaft "Universelles Leben" bekennen, vermehrt zugezogen waren, schimpfte der Pfarrer öffentlich, das Dorf werde durch diese Menschen "verstärkt aufgefressen" (Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Nr. 2/1999). Weiterhin beklagte er, diese Leute befänden sich "in der Pfarrei Michelrieth", obwohl sie mit der Pfarrei gar nichts zu tun haben. Doch die Kirche betrachtet das Dorf offenbar als ihr Revier - ähnlich wie im 16. Jahrhundert, als die Bewohner eines Ortes entweder evangelisch oder katholisch sein mussten und Abweichler nicht geduldet wurden. Heute betreibt die Kirche u. a. eine gehässige Internet-Seite gegen die urchristliche Minderheit im Dorf. Zudem versucht man, den sehr guten Ruf und die hervorragende Arbeit in einer von den Urchristen betriebenen Naturklinik durch Verleumdungen und Unwahrheiten zu beschädigen (Mehr dazu siehe ww3.steinadler-schwefelgeruch.de/buch/kapitel-3-9.html). Dabei sind die beiden großen Kirchen in Deutschland selbst die größten Sekten, nämlich Abspaltungen (lateinisch secare = abspalten) vom ursprünglichen Christentum, mit dem sie nicht mehr viel zu tun haben. Besonders niederträchtig verhält sich dabei die evangelische Kirche. Dabei ist sie selbst nach Aussage des bekannten Religionswissenschaftlers Dr. Hubertus Mynarek eine "Sekte hoch 2", nämlich eine Abspaltung von der katholischen Kirche, die sich wiederum vom Christentum abgespalten hat. Mit ihrer besonders fanatischen Bekämpfung religiöser Minderheiten versucht die evangelische Kirche, sich wieder bei ihrer katholischen Mutterkirche einzuschmeicheln. Dabei versteckt sich die Kirche als Nachfolgerin der früheren Inquisition meist hinter scheinheiligem Getue. Lesen Sie nachfolgend einige grundsätzliche Überlegungen über die heutige Inquisition und ihren aktuellen Kleinkrieg gegen alle Menschen, die aus der kirchlichen Tradition auszubrechen versuchen.


"Sektenbeauftragter", "Religions- und Weltanschauungsbeauftragter" - Begriffe ...
Der erste "Sektenbeauftragte"
Die moderne Inquisition
Wie äußern sich katholische Verlautbarungen?
Die Verdrehung des Begriffes "Toleranz"
Die Strategie der Kirche

Die Zerstörung von Familien
Die Verantwortung der gesamten Kirche
Inquisition - früher und heute


1) "Sektenbeauftragter", "Religions- und Weltanschauungsbeauftragter" - Begriffe aus dem 20. Jahrhundert

Früher wurden sie "Inquisitoren" genannt. Sie betonten vordergründig ihre angebliche "Sorge" um ihre Mitmenschen. Doch dahinter steckten die "Wölfe im Schafspelz". Die "Inquisition" der beiden Großkirchen hat das Leben zahlloser Menschen und die Zerstörung ihrer Familien über zwei Jahrtausende auf dem Gewissen (siehe dazu www.kirchenopfer.de). Die modernen Begriffe für die Inquisitoren, z. B. "Beauftragte für Religions- und Weltanschauungsfragen", tauchen in ähnlicher Form schon im Dritten Reich auf. So hieß das Referat V beim Reichssicherheitshauptamt z. B. "Referat für Religions- und Weltanschauungsfragen" und war dem SS-Führer Heinrich Himmler unterstellt. Die Zielsetzung dieses Referates war "das Auslöschen des Sektenwesens".  Und die Arbeitsweise: Verleumdung, Denunziation, üble Nachrede, falsche Anschuldigungen vor Gerichten (Institut für Zeitgeschichte - Universität München, Brief von C. Nestmann, 15.1.1988).        
Der Katholik Adolf Hitler war bestrebt, eine Auseinandersetzung zwischen den Großkirchen oder gar Übertritte von einer Konfession zur anderen zu vermeiden, um die Menschen nicht von ihren "völkischen" Aufgaben abzulenken (Beleg bei "Der Theologe Nr. 4"). Er selbst blieb zeitlebens Mitglied der römisch-katholischen Kirche und zahlte immer pünktlich seinen Kirchenbeitrag. Und auch um die Gunst der Kirchen für die "völkischen" Aufgaben zu gewinnen, kam der nationalsozialistische Staat gerne deren Verlangen nach, kleinere religiöse Bewegungen zu bekämpfen. Bereits im Jahr 1932 wurde unter der Kanzlerschaft des Katholiken Franz von Papen mit den Stimmen der NSDAP und unter dem Beifall der Kirchen die Freidenker-Bewegung verboten.

Im Jahr 1933 kommentiert dann Das Evangelische Deutschland, das in Berlin erscheinende damals "maßgebliche Organ auf protestantischer Seite" das Verbot der Zeugen Jehovas mit Dankbarkeit und fordert weitere Verbote: "Die Kirche wird dankbar anerkennen, dass durch dieses Verbot eine Entartungserscheinung des Glaubens beseitigt worden ist ... Damit ist jedoch noch keine vollständige Bereinigung der Sekten erreicht. Erwähnt seien nur die Neuapostolischen."
(Das Evangelische Deutschland, Kirchliche Rundschau für das Gesamtgebiet der Deutschen Evangelischen Kirche, Nr. 37, 10.9.1933; zit. nach Detlef Garbe, Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Dritten Reich, EZW-Text Nr. 145, Berlin 1999, S. 10)
PS: In der Zeit von 1933 bis 1939 sind 5-10 % der KZ-Insassen Zeugen Jehovas. Dort kommen 1200 ums Leben, weitere 250 werden anderweitig erhängt, erschossen oder geköpft.

Kirche und Nationalsozialisten arbeiteten bei der "Bereinigung der Sekten" vielfach Hand in Hand. Die Apologetische Centrale in Berlin, Vorläuferin der heutigen Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen (EZW), erarbeitet z. B. Materialien über "Sekten" und Juden. Und deren Leiter Walter Künneth schreibt in einem Brief vom 16.12.1933 über die Zusammenarbeit mit der Gestapo: "Der Materialaustausch zwischen dem Geheimen Staatspolizeiamt und der Apologetischen Centrale hat bereits begonnen. Auch mit dem Propaganda-Ministerium wurde Fühlung aufgenommen. Es besteht die Aussicht, dass auch hier eine Arbeitsverbindung zustande kommt. Auch das Reichsinnenministerium hat in den vergangenen Monaten der Apologetischen Centrale wiederholt wichtiges Material zur Durchprüfung und praktischen Ausnutzung zur Verfügung gestellt." (Evangelisches Zentralarchiv 1/C3/392; zit. nach Röhm/Thierfelder, Juden-Christen-Deutsche, Stuttgart 1990, Band 1, S. 412; weitere Hinweise siehe z. B.: Der Theologe Nr. 4: "Die evangelische Kirche und der Holocaust"). Obwohl die Nationalsozialisten die Centrale zu einem späteren Zeitpunkt aufgrund eines Konflikts der Kirchenmänner mit dem NS-Ideologen Alfed Rosenberg (dessen germanisch-heidnische Anschauungen übrigens von Hitler als dessen Privatmeinung und ausdrücklich nicht als Position der NSDAP bezeichnet wurden) schließen, hat sich die Haltung der Kirchen gegenüber religiösen Minderheiten nicht geändert. So fordert z. B. 1937 der der Bekennenden Kirche angehörige Oberkirchenrat D. Otto Bezzel: "Die Juden sind die Zerstörer und gehören hinausgepeitscht" (zit. nach Evangelisches Sonntagsblatt in Bayern Nr. 42/1988, S. 15). Im Jahr 1947 wird D. Otto Bezzel zum
 Personalreferenten der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayerns befördert. Damit ist er faktisch der zweitstärkste Mann hinter dem Landesbischof, was er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1962 auch bleibt.

Der Name des Referats V im damaligen Reichssicherheitshauptamt, "Referat für Religions- und Weltanschauungsfragen", wurde Anfang der 70er Jahre fast identisch in dem Namen "Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen" wieder verwendet. Diese ist eine Initiative des Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Pfarrer Friedrich Wilhelm Haack (F. W. Haack, Sekten, 1974, S. 62 - Der Hinweis auf Pfarrer Haack fehlt in späteren Auflagen). Beauftragte für "Sekten- und Weltanschauungsfragen" arbeiten nach dem Krieg seit den 60er Jahren nebenamtlich, später hauptamtlich in den beiden Großkirchen [Weitere Einzelheiten dazu folgen hier evtl. später]. Wie früher so auch heute tragen diese Männer und teilweise auch Frauen die "fromme" Maske der "Sorge" um ihre Mitmenschen. Doch so mancher Zeitgenosse hat dahinter schon den reißenden "Wolf im Schafspelz" erleben müssen. Nicht jeder "Sektenbeauftragte" ist dabei wie der andere, und einzelne sind auch nur wenig inquisitorisch veranlangt. Worum es bei dieser Arbeit jedoch grundsätzlich geht, zeigt ein Blick in die Entwicklung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. 
 

2) Der erste "Sektenbeauftragte"

Erster "Sektenbeauftragter" ist Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack - von 1964-67 als Gemeindepfarrer in Hof an der Saale im Nebenamt Beauftragter für "Sekten- und Weltanschauungsfragen" der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, seit 1969 hauptamtlich tätig. In jenem Jahr wurde diese Stelle zuerst in der evangelischen Landeskirche in Bayern geschaffen. Nachfolger Haacks wurde 1992 Dr. Wolfgang Behnk.

Haack und Behnk wie auch alle anderen üben diesen Dienst im Rahmen ihres Auftrags als evangelische Pfarrer aus. Dieser ist z. B. für die beiden bayerischen Pfarrer offiziell wie folgt beschrieben:

1) In der Kirchenverfassung, Grundartikel: "Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern steht mit der ganzen Christenheit unter dem Auftrag, Gottes Heil in Jesus Christus in der Welt zu bezeugen."
2) Im Pfarrergesetz, Art. 6 a: "Ich bin bereit, das Amt, das mir anvertraut wird, nach Gottes Willen in Treue zu führen, das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben und im Bekenntnis unserer evangelisch-lutherischen Kirche bezeugt ist, zu predigen, die Sakramente ihrer Einsetzung gemäß zu verwalten, das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Verschwiegenheit zu wahren und mich in allen Dingen so zu verhalten, wie es meinem Auftrag entspricht. Dazu erbitte ich die Hilfe des Dreieinigen Gottes."
3) In der Ordnung kirchlichen Lebens, Abschnitt IX, Abs. 3: "Pfarrer und Gemeinde haben miteinander dafür zu sorgen, dass die Auslegung der Heiligen Schrift recht geschieht, dem Verständnis und den jeweiligen Verhältnissen der Gemeinde entspricht und niemand durch falsche Lehre und Irrglauben verführt wird ..."
4) Noch einmal im Pfarrergesetz, Par. 37, für Pfarrer mit "allgemeinkirchlichen Aufgaben", zu denen der "Sektenbeauftragte" gehört: "In der ihm übertragenen allgemeinkirchlichen Aufgabe soll der Pfarrer seinen Dienst ausrichten gleicherweise zum Aufbau der Kirche wie der einzelnen Gemeinde ..."

Doch der erste "Sektenbeauftragte" hatte sich bereits ganz andere und weiter gehende Ziele im Hinblick auf die kleineren Gemeinschaften gesetzt. So schreibt Pfarrer Haack in seiner Darlegung "Sekten" von 1974 im ersten Kapitel: "Nicht aus Konkurrenzneid und nicht aus Hass, weder aus theologischer Rechthaberei noch aus Machtgründen, sondern allein wegen der geistlichen Gefahren muss die Kirche auch heute den Sekten entgegentreten ..." Die Formulierung "auch heute" legt nahe, dass man ergänzt "wie früher". Und wie hat das die Kirche früher getan, wäre die anschließende Frage? Um keine unerwünschten Assoziationen zu wecken, schreibt Haack weiter: "... Sie wird es, wie zu den Tagen der Apostel, mit geistlichen und geistigen Waffen tun."
Das steht aber so nicht in den oben zitierten grundlegenden Kirchengesetzen und Dienstaufträgen. Und schon gar nicht steht dort, dass der Staat parallel dazu aufgefordert werden soll, mit dem ihm zur Verfügung stehenden "Waffen" das Seine zu tun. Doch welcher Kirchenverantwortliche interessiert sich dafür? Arbeitsplatzbeschreibungen sind schnell neu formuliert, und Haack schuf Fakten und gab damit die Richtung vor, in die auch nachfolgende "Sektenbeauftragte" gehen sollten.
Und welches sind hierbei genau die "geistlichen Gefahren", die man kirchlicherseits abwenden will? In erster Linie sind es Kirchenaustritte, auch wenn man das nicht so gerne zugibt. Denn diese tun den Kirchen am meisten weh.


3) Die moderne Inquisition

Pfarrer Haack knüpft dabei an die Geschichte der Inquisition an, und er gibt dies auch zu. So schreibt er in einem Brief vom 30.4.1986: "Wenn Sie bei mir auf Inquisition tippen, dann liegen Sie natürlich richtig!" (Brief an H. Radegeis liegt uns vor*). So wurden früher durch die Inquisition der Kirchen "Ketzer" und "Hexen" zuerst kirchlich verurteilt und dann den staatlichen Henkern überantwortet. Und der Staat wurde dazu aufgefordert, die "aufrührerischen" Bauern (Luther) oder im Krieg die "ungläubigen" Türken (Evangelische Bekenntnisschriften) zu töten bzw. die Juden mit unterschiedlichsten Strafmaßnahmen bis zur Hinrichtung zu verfolgen (Luther). Auch Eltern, die ihren Säugling nicht taufen lassen wollten, sollte der Staat auf Verlangen der Kirche hinrichten (Melanchthon, Luther), und viele mehr. Haack versteht sich jedoch als "moderner" Inquisitor und schreibt weiter: "Sehen Sie, auch die Inquisition ist moderner geworden und hält sich auch an die Grundsätze der fairen Berichterstattung." (*Brief von Friedrich Wilhelm Haack an H. Radegeis vom 30.4.1986, siehe hier) Also faire Berichterstattung statt Hinrichtungen? Wer einmal zur Zielscheibe der modernen Inquisition geworden ist, kann darüber nur den Kopf schütteln. Von fairer Berichterstattung kann keine Rede sein oder nur in wenigen Ausnahmefällen.


"Ich tu´ das Üble, schrei´ dann selbst zuerst -
Das Unheil, das ich selber angerichtet -
Leg ich den Anderen dann zur Last"!
(Shakespeare)
 

So haben die Kampagnen der Kirchenvertreter in unserer Zeit bereits zu folgenden Maßnahmen gegen religiöse Minderheiten geführt: Verschiedentlich behördliche Verbote, Informationsstände oder Büchertische aufzustellen; Verweigern oder Streichen von bestimmten öffentlichen Zuschüssen; teilweise Benachteiligungen von Privatpersonen und Geschäftsleuten durch Behörden und Gerichte; Errichten von staatlichen Stellen zur Überwachung von Minderheiten, die man meist mit Mitgliedern der Kirchen besetzt; in Einzelfällen Berufsverbote (Menschen müssen öffentlich erklären, keiner so genannten "Sekte" anzugehören, um bestimmte Berufe auszuüben, bestimmte Verträge unterzeichnen zu können oder andere Aufgaben oder Rechte wahrnehmen zu können); weiterhin gibt es viele Werbeverbote (z. B. Verbot, Plakate aufzuhängen) oder Verbot von Vermietungen (z. B. bei öffentlichen Gebäuden in Berlin) und manches mehr. Hinzu kommt der vielfache Rufmord in den Medien, der auch im nichtstaatlichen Bereich unübersehbare negative Folgen hat. Und gerade bei noch leicht zu beeinflussenden Jugendlichen wird in der Regel im 9. Schuljahr die "Sektenkeule" im kirchlichen Religionsunterricht geschwungen, der - nebenbei gesagt - zu 100 % vom Staat, d. h. von allen Bürgern bezahlt wird; also auch von denen, die man dort in den Schmutz zieht.


4) Wie äußern sich katholische Verlautbarungen?

Hierzu ist zunächst zu sagen, dass sich in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zunächst ein Netz evangelischer Sektenbeauftragter aufgebaut hat. Erst in den 80er Jahren zieht die katholische Kirche nach. Den besonderen Inquisitions-Eifer der Evangelischen erklärt der Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek u. a. damit, dass die evangelische Kirche selbst eine "Sekte hoch zwei" ist. Sie will zum einen der katholischen Muttersekte imponieren, von der sie sich abgespalten hat (lat. secare = abspalten) hat, nachdem sich die katholische "Sekte" ursprünglich einmal vom Urchristentum abgespalten hatte. Und zum anderen projiziert man mit den Inquisitions-Bemühungen eigene Defizite auf Andersgläubige (vgl. hierzu v. a. in "Der Theologe Nr. 1": Die Besprechung der Promotion des Sektenbeauftragten Kirchenrat Dr. Wolfgang Behnk ).

Die katholischen Sektenbeauftragten unterscheiden sich im Prinzip nicht von den evangelischen, und nachfolgende Passage aus einer Broschüre des Bischöflichen Generalvikariats Aachen könnten im Kern auch in einer evangelischen Broschüre stehen. So heißt es in der Verlautbarung Neue Kultbewegungen und Weltanschauungsszene 2, Mönchengladbach o. J.: "Wenn wir aber unseren eigenen Glaubensauffassungen und Grundsätzen - Achtung des Menschen, Achtung der Religionsfreiheit, Vertrauen auf den Heiligen Geist ... - treu sein wollen, dann können wir uns nicht damit zufrieden geben, die Sekten zu verdammen und zu bekämpfen ... Die Herausforderung durch die neuen religiösen Bewegungen liegt darin, unserer eigenen Erneuerung zu einer größeren pastoralen Wirksamkeit einen Impuls zu verleihen." (S. 33)
Auch hier wird die Verdammung und Bekämpfung der als "Sekten" verleumdeten religiösen Minderheiten einfach selbstverständlich vorausgesetzt, ohne dass dieses Handeln überhaupt in Frage gestellt geschweige auf eine kirchliche Legitimation verwiesen wird. Es bleibt auch unbeantwortet, wie  "Achtung der Religionsfreiheit" einerseits und "die Sekten zu verdammen und zu bekämpfen" andererseits vereinbart werden soll. Auf diese Weise verkommen Werte wie "Achtung des Menschen, Achtung der Religionsfreiheit, Vertrauen auf den Heiligen Geist" zu scheinheiligen Worthülsen.

Weiter noch: Das II. Vatikanische Konzil bekannte sich sogar zur Toleranz gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften (siehe unten: 5 a). Doch die Praxis sieht ganz anders aus. Immerhin mussten die "Sektenbeauftragten" dazu manche Begriffe in ihrer Bedeutung verändern, um den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis nicht zu offensichtlich erscheinen zu lassen. Bei den Theologen ist es ja möglich, Begriffe verschieden zu interpretieren. Dies kann leider so weit gehen, dass ein Begriff auch begründet in sein Gegenteil verkehrt werden kann, wenn er in sein Gegenteil verkehrt werden soll, wie man am Beispiel des Begriffes "Toleranz" nachfolgend zeigen kann.


5) Die Verdrehung des Begriffes "Toleranz"

a) Auf dem II. Vatikanischen Konzil wurde ein Dokument über die Religionsfreiheit verabschiedet, welches auch die "Toleranz gegenüber andere religiöse Gruppen einschließt".
Über dieses Dokument referiert z. B. Pater Anselm Reichold, OSB (Vortrag abgedruckt in: Jugendsekten, Hrsg.: Junge Union Bayern, München 1985, S. 47). Dabei spricht er plump einfach von einer Ausnahme, wo "Intoleranz" geboten sei, und sagt: "Aber ebenso ´intolerant` war er [Jesus] gegen die bewussten Betrüger." Nur: Wer sind für einen überzeugten Katholiken die "bewussten Betrüger"?  Anstatt sich zu fragen, ob man nicht selbst der Betrüger ist (indem man z. B. behauptet, "katholisch" oder "evangelisch" wäre "christlich", also etwas, was im Sinne von Christus sei), projiziert man die Beschimpfung auf die religiösen Minderheiten, denen gegenüber folglich "Intoleranz" geboten sei. Was ist das Toleranzgebot des II. Vatikanums ihnen gegenüber dann noch wert?

b) Einen Schritt weiter in der Manipulation geht wiederum der evangelische Weltanschauungsbeauftragte Friedrich-Wilhelm Haack. So sagte er 1982: "Nun ist Toleranz gegenüber Ideen dann ein Unding, wenn diese Ideen beispielsweise lebensgefährdend sind. Was würde man einer Religion gegenüber sagen, die Menschenopfer bringen will? Auf ihre Weise tun dies die Ersatzreligionen tausendfach ... Toleranz kann sich gar nicht gegen Ideen richten, sondern nur gegenüber Menschen. Auch dann, wenn diese Träger zerstörerischer Ideen sind. Dann allerdings wird es auch Sache der Toleranz sein, das Leben der Gefährdeten zu bewahren und diese Menschen an der Ausübung ihrer zerstörerischen Ideen zu hindern."

Die geschliffenen Worte Haacks klingen für naive Ohren scheinbar vernünftig - auch wenn das Wort "Toleranz" - wie oben grundsätzlich erläutert - unmerklich in sein Gegenteil verkehrt ist. "Tolerant" ist demnach derjenige, der einen anderen an der Ausübung seiner Religion hindert. Natürlich nur unter bestimmten Bedingungen - nur dann nämlich, wenn die Religionsgemeinschaft "Träger" einer "zerstörerischen Idee" sei. Doch das ist ja nach Haacks Meinung kein Einzelfall, den man unter Umständen nachweisen müsste, sondern er ist "tausendfach" gegeben, womit wiederum alle religiösen Minderheiten pauschal im Visier sind. Was also ist das Wort "Toleranz" in diesem Zusammenhang noch wert? Wird dieser hohe Wert hier nicht schlichtweg verhöhnt?

c) Jetzt bräuchten die "Sektenbeauftragten" die anderen Religionsgemeinschaften also nur noch als "Träger zerstörerischer Ideen" verleumden, was bei jeder Gemeinschaft mithilfe von inquisitorischem Geschick - worin die Beauftragten ja geschult sind - möglich ist. So wie also zunächst das Wort "Toleranz" verdreht wurde, so folgen nun andere und neue Verleumdungen, Verdrehungen und Lügen ein - diesmal mit dem Ziel, einer Gemeinschaft "zerstörerische Ideen" unterzuschieben. Haacks amtierender Nachfolger Behnk [im Jahr 2006] betrieb diese Methode teilweise bis in den Wortlaut hinein, wenn er das ethisch-moralische Ziel der Überwindung von Egoismus zum Beispiel als "Persönlichkeitszerstörung" diffamiert.
Alles das hat System und schafft durch ständige Wiederholung die geistigen Grundlagen, auf der eine vielfältige Diskriminierung von seriösen und friedfertigen Gemeinschaften möglich gemacht werden kann. Die Kirche schwingt wieder - diesmal bildlich gesprochen - die Fackel und das Kruzifix. Es ist nur die Frage, was der Staat alles anbrennen und verbrennen lässt und wie weit es die Kirche diesmal damit bringt.


6) Die Strategie der Kirche

Wolfgang Behnk - als Nachfolger des ersten modernen Inquisitors Haack - ging sogar noch einen Schritt weiter als sein geistiger Vater und unterstellte einer friedfertigen urchristlichen Gemeinschaft ohne einen geringsten Anknüpfungspunkt gar alle Voraussetzungen für einen Massenselbstmord. Allerdings nur dann - so eine bei Kirchenvertretern übliche taktische Einschränkung - wenn diese Menschen sich einmal in einer ausweglosen Situation befinden sollten.
Auch an diesem Beispiel zeigt sich die Machart der Verhetzung anderer durch die Macht der Kirche. Die Niedertracht und Bösartigkeit ist kaum noch zu überbieten: Denn es werden keine Fakten genannt (weil es sie - wie meistens - nicht gibt), nur übelwollende Unterstellungen und Verdrehungen! Und schwerwiegender als in diesem Beispiel konnten "zerstörerische" Ideen, die Behnks Vorgänger Haack zur Bedingung für Intoleranz gemacht hat, gar nicht unterstellt werden. Hier ging es letztlich sogar um die grundlose Unterstellung von möglichem "Mord", wenn man sich einmal vorstellt, dass in ein Massenselbstmord-Szenario auch von ihren Eltern abhängige Kinder mit hineingedacht werden. Das waren also - wenn man so will - jetzt die "möglichen" "Menschenopfer", die Behnks Lehrer, Pfarrer Haack, zuvor beschworen hatte, und damit wird die Volksverhetzung durch die Kirche auf die Spitze getrieben.* Dabei war es in der Vergangenheit die Kirche selbst, die Millionen von Menschen ermorden ließ und damit Menschenopfer in einem unvorstellbaren Ausmaß darbrachte. So schrieb auch der bekannte Historiker Karlheinz Deschner, er kenne "in Antike, Mittelalter und Neuzeit, einschließlich und besonders des 20. Jahrhunderts, keine Organisation der Welt, die zugleich so lange, so fortgesetzt und so scheußlich mit Verbrechen belastet ist wie die christliche Kirche, ganz besonders die römisch-katholische Kirche" (In: Die beleidigte Kirche, Freiburg 1986, S. 43). Wobei es eine zusätzliche historische Schuld der Kirche ist, den von Christus abgeleiteten Namen "christlich" in den Schmutz getreten zu haben und bis heute zu treten, denn mit Jesus Christus hat das alles nicht das Geringste zu tun.
 

7) Die Zerstörung von Familien

Ein Hauptansatzpunkt für das destruktive Wirken der Kirche sind dabei die Familien. So appellierte der evangelische "Sektenbeauftragte" Friedrich-Wilhelm Haack 1977 im Handbuch für Kirchenvorsteher an die evangelischen Kirchenvorsteher unter der Rubrik Religiöse Gemeinschaften, Sekten: "Religiöse Auseinandersetzungen in einer Familie können zu den übelsten und zerstörerischsten Begebenheiten werden. Liebe ist das stärkste Argument, darf aber nicht mit ´Nachgeben um des lieben Friedens willen` verwechselt werden ..."

Viele Mitbürger denken bei solchen Sätzen vor allem an den fanatischen Katholizismus, der unsägliches Leid z. B. in viele konfessionsverschiedene Familien gebracht hat, doch Haack hat natürlich die kleineren Bewegungen im Blick. Bestünde nämlich die Gefahr, dass ein Mitglied sich einer als Sekte verleumdeten religiösen Minderheit zuwendet, sollte sofort Kontakt mit dem Geistlichen aufgenommen werden. Kirchenvorsteher können solche Kontakte vermitteln.

Auf diese Weise schürt der "Sektenpfarrer" aber genau das, was er anprangert. Anstatt dass man in der Familie offen und respektvoll miteinander redet und dem anderen die Glaubensfreiheit lässt, gießt die evangelische Seite Öl ins Feuer und trägt den Konflikt von Anfang an über die Familie hinaus. Erfahrungsberichte zeigen, wie durch Einschalten des Pfarrers und des "Sektenbeauftragten" eine familiäre Situation erst "zu den übelsten und zerstörerischsten Begebenheiten" wurde, während man mögliche Konflikte in der Familie ohne kirchliche Einmischung mit Fairness, gegenseitigem Wohlwollen und Toleranz hätte beilegen können. Denn der Kirchenvertreter ist in dieser Situation ja kein neutraler und fairer Vermittler. Er vertritt schon durch sein Amt (und oft auch durch seine hinterhältige Art) von Anfang an die Glaubensposition des kirchlich orientierten Partners und betrachtet den anderen der beiden Partner und dessen Denken als das "Problem", das gelöst werden muss. 

Diese Form von kirchlicher Einmischung in Familien angesichts der angeblichen Bedrohung durch "Sekten" und andere "Religiöse Gemeinschaften" beschränkt sich bei Friedrich-Wilhelm Haack gemäß des oben dargelegten Pfarrer-Dienstauftrages zunächst noch auf die Mitglieder der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Dass die Mitgliedschaft in der Regel ohne Zustimmung des Betreffenden bei einer Säuglingstaufe zustande gekommen war, wird von der Kirche natürlich nicht problematisiert. Dabei könnte man diese Praktiken in Verbindung mit den von der Kirche geschürten Jenseits-Ängsten (weswegen es ja auch die "Nottaufe" gibt) auch als "Zwangschristianisierung" bezeichnen. Und gerade selbstständig denkende und freiheitsliebende Menschen nehmen diesen Zustand später nicht einfach als gottgegeben hin, sondern korrigieren ihn oftmals durch einen Kirchenaustritt.

Und hier erweitert nun die Kirche selbstherrlich ihren Auftrag an ihren Mitgliedern, und sie greift dazu direkt die möglichen Alternativen an, die sich einem Kirchenaussteiger bieten, in erster Linie kleinere religiöse Gemeinschaften. Theologisch wird dies damit gerechtfertigt, dass man weiter eine Art Besitzrecht auf die Seele des Aussteigers reklamiert. Beispielhaft wird dies in einem Brief des bayerischen Landesbischofs Johannes Hanselmann (dem ehemaligen Vorgesetzten von Friedrich-Wilhelm Haack und Wolfgang Behnk) deutlich, in dem es heißt: "Ich möchte Ihnen aber nur zu bedenken geben, dass man aus der Kirche, in die man durch die heilige Taufe eingegliedert wurde, nicht aus- und eintreten kann wie bei einem Verein, wenn man anderswo etwas gefunden hat, was einem vielleicht mehr zusagt. Man kann Gott den Bund, den er in der heiligen Taufe mit uns geschlossen hat, nicht einfach kündigen" (Brief vom 6.9.1985 an A. Emtmann liegt uns vor). Das mag gut gemeint gewesen sein. Doch es ist nicht nur scheinheilig, sondern diabolisch, v. a., weil man einmal mehr "Gott" kirchlich vereinnahmt. Und in diesem Zusammenhang wird auch das "Anderswo" verteufelt, das dem ehemaligen evangelischen oder katholischen Kirchenmitglied heute "mehr zusagt". Auf diese Weise wird sowohl ein lösbarer Familienkonflikt als auch ein fortgeschrittener Rosenkrieg zu einer apokalyptischen Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse hochstilisiert, bei dem die Fronten von Anfang an klar sind und die nicht nur Kleinfamilien zerstören, sondern ganze Familiensippen ins Unglück stürzen kann.

Die kirchliche Methode der Demagogie, anderen Bösartiges anzudichten, kann dabei sehr leicht vor allem wenig nachdenkende Menschen beeinflussen, wie es in der Vergangenheit auch immer wieder geschah. So war es für manche Menschen, die den Inquisitoren früherer Jahrhunderte glaubten, z. B. eine Ehre, das Holz für einen Scheiterhaufen herbeischaffen zu dürfen. Doch auch in der Gegenwart liegen die Menschen den kirchlichen Demagogen vielfach zu Füßen oder lassen sich zum Instrument bzw. Büttel der kirchlichen Religionspolitik machen.

Ist eine Ehe schließlich gescheitert (jede 3. Ehe ist leider davon betroffen), geht die Auseinandersetzung oftmals weiter im Sorgerechtsstreit um die Kinder. Auch hier die alten Muster: Durch die Einmischung des kirchlichen Sektenbeauftragten werden nicht selten alle Probleme der "bösen Sekte" angelastet anstatt sich wenigstens jetzt um ein faires Abwägen der Situation auch nur zu bemühen. Und während der Sektenbeauftragte Haack gar von "Liebe" heuchelte (siehe oben), waren die kirchlichen Beauftragten in vielen bekannt gewordenen Fällen nicht einmal zu Wohlwollen oder wenigstens minimaler Selbstkritik bereit. Stattdessen ist der mit der religiösen Minderheit sympathisierende Partner in der kirchlichen Betrachtungsweise immer der schuldige Täter oder die leibhaftige Bedrohung für sein Kind. Und alle anderen Beteiligten werden dann ermuntert, sich als dessen unschuldige Opfer zu suhlen. Damit wurden v. a. die betroffenen Kinder in ein kaum vorstellbares Gefühlschaos gestürzt. So hatten z. B. Kinder schöne Erfahrungen mit dem Elternteil gemacht, der die Kirche verlassen hat und wurden anschließend regelrecht genötigt, ihr Erleben gemäß dem kirchlichen Schema anders zu deuten. Und so mancher Familienrichter brauchte schon einige Zivilcourage, um sich dieses kirchliche Feindbild nicht aufzwingen zu lassen, sondern um beide Seiten gerecht abwägen zu können - obwohl er dann selbst in Verdacht geriet, mit der "Sekte" gemeinsame Sache zu machen. Was die Kirche hier bereits an Familienstrukturen langfristig zerstört hat, müsste in einer eigenen Schrift dokumentiert werden.

 

7) Die Verantwortung der gesamten Kirche

Viele der Kirche grundsätzlich positiv gegenüberstehende Menschen weichen diesen Themen aber weiter gerne aus und fragen sich, ob nicht die "Sektenbeauftragten" nur einzelne extreme Stimmen innerhalb einer "pluralen" Kirche seien, die sich doch insgesamt geändert habe. Dazu lässt sich sagen, dass einzelne Kirchenmitglieder anders denken mögen (wie auch vereinzelte Sektenbeauftragte ihr Amt weniger inquisitorisch ausüben), doch der Sektenbeauftragte bekämpft grundsätzlich Minderheiten im Auftrag der gesamten Kirche, und er tut es nicht als Einzeltäter, sondern auch offiziell im Namen seiner Kirche. Und verantwortlich für die Arbeit der Sektenbeauftragten sind deshalb die jeweils vorgesetzten Kirchenleitungen. Diese tragen damit die Verantwortung für das Tun. Im Beispiel von Dr. Behnk ist dies der Landeskirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, bestehend aus dem Landesbischof (derzeit [2006] Dr. Johannes Friedrich) und 17 Oberkirchenräten: Sie beriefen Pfarrer Behnk ins Amt, sie schützen und loben ihn und beförderten ihn gar zum Kirchenrat, um seine Position in Kirche und Gesellschaft weiter zu stärken und seinem inquisitorischen Treiben zusätzlichen Nachdruck zu verleihen. Und wer einmal ins Visier von ihm oder seinesgleichen geraten war, der glaubt nicht mehr, dass die Kirche sich geändert habe. Der hat es erfahren, dass sie sich nicht geändert hat. Sie habe sich, so mancher Kirchenkritiker, allenfalls dem Zeitgeist angepasst. Und zu diesem Geist passt es auch, dass man bestimmte "Männer fürs Grobe" die unpopulären Arbeiten machen lässt. So schrieb etwa der "Sektengegner" Norbert Thiel am Beispiel von Behnks Vorgänger Haack, wie es sich mit Pfarrer Haack und seiner Landeskirche verhält: "Pfarrer Haacks Wirken wird vielleicht kritisch betrachtet, de facto aber bewusst geduldet und sogar aktiv gefördert" (Norbert Thiel, Der Kampf gegen neue religiöse Bewegungen, Mörfelden 1986, S. 79). Zudem treten in den Kirchen heute vermehrt "Freizeit-Inquisitoren" auf, welche sich auch ohne offiziellen kirchlichen Auftrag als "Sektenexperten" profilieren wollen, was bereits unter Pfarrer Haack kräftig gefördert wurde. Bekannt wurde v. a. die Sektenumfrage der Landeskirche (gemeint ist auch hier die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern) aus dem Jahr 1967, um Aktivitäten religiöser Minderheiten auszuspionieren. Friedrich-Wilhelm Haack schrieb damals: "Zur Beschaffung von Informationen empfehlen sich besonders Oberschüler und Jugendkreise. Diese kommen oft besser an die notwendigen Informationen heran als die Kirchenvorsteher" (Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Jahrgang 1967, S. 327). Heute traut sich die Kirche mit solchen und ähnlichen Praktiken nicht mehr ganz so frech an die Öffentlichkeit. Sie agiert dafür aber verstärkt im Hintergrund. So werden z. B. Bürger mit Entscheidungsbefugnissen durch Telefonanrufe eingeschüchtert und bedrängt, Anhängern religiöser Minderheiten  bestimmte Rechte zu verweigern, z. B. die Möglichkeit, an einem Marktstand ihre Waren zum Verkauf anzubieten. Dabei wird sehr oft der Freizeit-Inquisitor vorgeschoben. Ein "besorgter Bürger" (in Wirklichkeit ein vom kirchlichen Inquisitor beauftragter oder mit ihm zusammen arbeitender Kirchenanhänger) beschwert sich dann, warum der Minderheit (die sich - wohlgemerkt - nichts zuschulden kommen ließ) nicht das Handwerk gelegt wird. Oder der "Bürger" bringt als stiller Denunziant beim Sektenbeauftragten diesen erst zum Handeln. 
(Ein Beispiel lesen Sie hier).
Das Niederträchtige am Tun der Kirche ist, dass ihre Vorwürfe gegen Andersgläubige meist falsch sind, teilweise sogar absurd. So absurd, wie in früheren Zeiten viele kirchliche Vorwürfe der Kirchen gegen "Ketzer", "Hexen", Juden, Bauern und Türken absurd waren. Dennoch: In der Vergangenheit ist es der Kirche jeweils gelungen, die staatlichen Obrigkeiten letztlich als Vollstrecker ihrer "Sektenbekämpfung" bis hin zu Hinrichtungen und Kriegen zu gewinnen. Die Parallele zur Gegenwart besteht darin, dass auch die heutigen "Sektenbeauftragten" vielfach bestrebt sind, ihren Kampf auf Politiker zu übertragen und die Medien dafür einzusetzen, in denen wiederum Vertreter der Kirchen z. B. für religiöse Themen im Fernsehprogramm hauptverantwortlich sind. So gossen viele kirchenverbundene Journalisten und Politiker in den letzten Jahren weiteres Öl in den Brandherd, und die Kirchenvertreter waren dankbar, dass sie dann ihre "groben" Angelegenheiten gar nicht selbst erledigen mussten. Oder Politiker behandelten die modernen Inquisitoren irrtümlich als "Experten" zu religiösen Fragen anstatt als bloße Interessenvertreter ihrer Kirche. Während aber in der Vergangenheit viele "Ketzer", "Hexen", Juden, Bauern und Türken letztlich sterben mussten, sind in der Gegenwart einem solchen Tun zum Glück noch Riegel vorgeschoben. Doch dieser Riegel hält nur, wenn Politiker und Bürger sich vom kirchlichen Herrschaftsanspruch lösen und in diesem Zusammenhang auch die Milliarden-Subventionierung und Privilegierung der kirchlichen Institutionen zugunsten einer Gleichbehandlung mit anderen Gemeinschaften endlich beenden.
Denn immer noch gilt leider, was Karl Jaspers in seinem Werk Der philosophische Glaube schrieb: Der "biblisch fundierte Ausschließlichkeitsanspruch" der Kirchen steht nach wie vor "ständig auf dem Sprung, von neuem die Scheiterhaufen für Ketzer zu entflammen" (9. Auflage, 1988, Seite 73).

* Eine Antwort aus den Reihen dieser Gemeinschaft [des Universellen Lebens] war damals: "Sollten einige Urchristen ... durch die Rufmordkampagnen der beiden Institutionen Katholisch und Evangelisch hingemordet werden, dann haben sich diese Urchristen nicht selbst das Leben genommen, sondern sie wurden getötet. Denn sich das Leben zu nehmen, ist nicht in unserem urchristlichem Sinne." (Christusstaat weltweit Nr. 8/1993)


8.) Inquisition - früher und heute

Nachfolgend eine Gegenüberstellung der Arbeitsweisen der Inquisition früher und heute. Die Zitate in der linken Spalte stammen aus dem Standardwerk von Iosif R. Grigulevic, Ketzer-Hexen-Inquisitoren, Herausgeber Fritz Erik Hoevels, Ahriman-Verlag, Freiburg 1995.

Inquisition damals

Inquisition heute


1)
„Außer diesem sozusagen führenden Apparat der Inquisition gab es noch Hilfspersonal, das aus den so genannten Familiares bestand: Das waren geheime Denunzianten, Gefängniswächter, Boten und anderes Dienstpersonal. Die Geheimagenten, Spitzel und Spione rekrutierten sich aus den verschiedensten Schichten der Gesellschaft.“ (S. 117)
 


Heute sind es die Gerüchteerfinder und Stimmungsmacher aus den so genannten „Bürgerinitiativen“ oder „Elterninitiativen“, die meist von den so genannten „Sektenbeauftragten“ der Kirchen inspiriert und gesteuert werden. Die „besorgte Mutter“ oder der „wachsame Kunde“ ist in Wirklichkeit ein Mitarbeiter des „Sektenbeauftragten“ oder ein Helfer bzw. Helfershelfer, der zuvor entsprechend instruiert wurde.

 


2)
„In den ländlichen Orten wurde die Rolle des Spürhundes vom Pfarrgeistlichen ausgeübt, dem zwei Gehilfen aus der Laienwelt zur Seite standen.“ (S. 118)

 

 

 

Pfarrgeistliche bzw. die jeweiligen Ortspfarrer oder Ortspriester sind auch heute überall dort zur Stelle, wo z. B. Urchristen Marktstände aufbauen, um dort gesunde Nahrungsmittel zu verkaufen. Ihre Gehilfen rufen dann bei der Stadtverwaltung an und protestieren dagegen, dass diese Leute dort ihre Waren neben katholischen oder evangelischen Händlern verkaufen dürfen. Sie verlangen entweder ein Verbot des Standes oder eine Kennzeichnungspflicht des religiösen Bekenntnisses der Händler.

3) „Um jemanden zur Verantwortung ziehen zu können, musste man selbstverständlich einen Grund haben. Als solcher diente in Glaubensangelegenheiten die Beschuldigung, die eine Person gegen eine andere erhob wegen Zugehörigkeit zu einer Sekte bzw. Sympathie oder Hilfe für einen Ketzer.“ (S. 119)


Wer sich religiösen Minderheiten gegenüber anständig und rechtlich korrekt verhält, gerät selbst oft ins Schussfeld der „Sektenbeauftragten“ und ihrer Helfer. Dies geht so weit, dass sich einzelne Menschen öffentlich rechtfertigen müssen, die auch nur im Verdacht stehen, Angehörige einer Minderheit nicht ausgegrenzt zu haben oder z. B. bei ihnen eingekauft zu haben.

 


4) „In der ... Predigt erläuterte der Inquisitor den Gläubigen die Unterscheidungsmerkmale der verschiedenen Häresien, die Kennzeichen, an denen man die Ketzer erkennen könne, die Schliche, auf die sie sich einließen, um die Wachsamkeit der Verfolger einzuschläfern, und schließlich die Formen und Methoden der Meldung bzw. Anzeige.“ (S. 119)

 

Heute reisen so genannte „Sektenbeauftragte“ durch die Lande und halten Vorträge, in denen sie den Leuten angebliche Merkmale „gefährlicher“ Gruppierungen präsentieren. Dabei vertrauen sie darauf, dass die Zuhörer nicht merken, wie sehr die meisten dieser Kriterien in Wirklichkeit auf die großen Kirchen zutreffen. Sind diese Veranstaltungen auch schlecht besucht, so sorgt doch die fast immer kirchenfreundliche Lokalpresse für eine Verbreitung der abstrusen Thesen. Würde ein Redakteur wagen, nicht im Sinne der Kirche zu schreiben, wären seine Tage vermutlich gezählt ...

5) „Die Inquisitoren zogen es vor, die Informationen von den Denunzianten persönlich zu empfangen, indem sie ihnen versprachen, ihren Namen geheim zu halten.“ (S. 119)


Heute übernehmen v. a. Rundfunk- und Fernsehsendungen diese „Arbeit“. Hierbei werden die Autoren von den Rundfunk- und Fernsehbeauftragten der Kirche instruiert oder beraten. Sie lassen z. B. anonyme Denunzianten als tatsächliche oder angebliche „Aussteiger“ zu Wort kommen. Diese verbreiten meist mit verfremdeter Stimme Unwahrheiten, über die sie aufgrund der angeblich notwendigen Anonymität keine Rechenschaft ablegen müssen.
 


6) „Der traurige Ruhm, der die Inquisition begleitete, schuf unter der Bevölkerung eine Atmosphäre des Schreckens, des Terrors und der Unsicherheit, die eine Welle von Denunziationen erzeugte, deren überwältigende Mehrheit Erfindungen oder törichte und lächerliche Verdächtigungen waren.“ (S. 119/120)
 


Töricht und lächerlich sind auch heute die Verdächtigungen. Doch die Einstellung zu den Verleumdeten  ist bei zahlreichen Menschen zumindest verunsichert. Viele, darunter auch viele Journalisten,  fallen auf die angeblichen kirchlichen „Experten“ herein, die in Wirklichkeit nur aus eigensüchtigen Interessen die „religiöse Konkurrenz“ schlecht machen.

 

7) „Aussagen zugunsten des Angeklagten wurden jedoch nicht berücksichtigt, da man der Ansicht war, dass diese durch verwandtschaftliche Bande oder durch sonstige Abhängigkeiten des Zeugen vom Beschuldigten hervorgerufen worden waren.“ (S. 124)


Auch heute kommen in den Medien so gut wie nie Menschen zu Wort, die z. B. als Nachbarn positive oder „normale“ Erfahrungen mit religiösen Minderheiten gemacht haben. Auch Behörden, die verleumdete Betriebe oft bis in alle Einzelheiten prüften, und nichts Unrechtes fanden, werden so gut wie nie nach ihrem Urteil gefragt. Positive Aussagen zu religiösen Minderheiten passen meistens nicht in das Konzept einer Radio- oder Fernsehsendung. Denn der Auftrag der Autoren lautete sinngemäß, die „Sekte“ in die Pfanne zu hauen. In allen großen Medienanstalten (öffentlich-rechtlich und privat) sitzen die Vertreter der beiden großen Kirche an den Schaltzentralen (z. B. im Aufsichtsrat) für die Programmgestaltung und benutzen die Medien für ihre eigene Lobbyarbeit und ihre Inquisition gegen Minderheiten.
 


8) „Persönliche Gegenüberstellungen der Anklagezeugen mit den Inhaftierten waren verboten.“ (S. 125)

 

 


In öffentlichen Veranstaltungen und Fernsehsendungen werden so gut wie nie beide Seiten einander gegenübergestellt. Die rufmörderische oder verleumderische Darstellung der Kirchenvertreter wird von den Medien meist schon bei der Moderation automatisch übernommen. Die Filmaufnahmen werden dann mit entsprechend düsterer Musik unterlegt, um den Zuschauern etwas zu suggerieren, was die Bilder nicht beinhalten. Sollte eine Sendeanstalt doch einmal wagen, einen Vertreter einer religiösen Minderheit einzuladen und ihm z. B. gleiche Redezeit einzuräumen, sagt meist der Kirchenvertreter erbost ab und lässt die Sendung platzen. Die Redakteure müssen dann um ihren Arbeitsplatz fürchten.
 


9) „Sie (die Inquisitoren) bestanden in der Regel auch weiterhin auf den Beschuldigungen, selbst in solchen Fällen, wo sie sich als Verleumdungen und Erfindungen der Denunzianten herausgestellt hatten.“ (S. 125)
 


Auch heute werden immer wieder uralte Lügen, die teilweise schon lange widerlegt wurden, neu serviert. Die kirchlichen „Sektenbeauftragten“ berufen sich auch wider besseres Wissen auf ihre „Meinungsfreiheit“.

 


Der Aufsatz (mit Ausnahme des Vorspanns) ist ein Nachdruck von www.theologe.de/theologe12.htm

 

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