Der Jakobsweg und seine Hintergründe
Katholische Wallfahrt zum Grab eines Ketzers
Die Wallfahrt zum
„Jakobsgrab“ in Santiago de Compostela im Norden Spaniens ist wieder in
Mode. Der Ort zieht jährlich über 10 Millionen Pilger an; etwa 180.000
von ihnen unternehmen die beschwerliche Reise zu Fuß, mit dem Fahrrad
oder zu Pferd.
Auch wenn viele von ihnen die Reise gar nicht aus
frommen Erwägungen antreten, sondern eher aus einer unbestimmten inneren
Suche heraus oder weil sie die sportliche Herausforderung suchen, so
wären sie doch sicherlich erstaunt, wenn sie erführen, dass sie
womöglich keineswegs zum Grab eines katholischen Heiligen pilgern,
sondern zu den sterblichen Überresten des ersten „Ketzers“, den die
katholische Kirche wegen abweichlerischen Glaubens hat hinrichten
lassen. Ein Treppenwitz der Geschichte? Und doch deutet vieles genau darauf hin.
Der spanische Literaturprofessor Fernando Sanchez Dragó hat die
„magische Geschichte des Jakobswegs“ untersucht wie kaum ein anderer. In
seinem gleichnamigen Buch („Historia mágica del Camino de Santiago“,
Barcelona 1999) geht der Autor der Frage nach, weshalb im
Hochmittelalter plötzlich wie aus dem Nichts die Legende auftauchte,
der
Apostel Jakobus sei nach Spanien gekommen und liege dort begraben. Was
war vorher?
Fernando
Sanchez Dragó verweist auf die maßgebliche katholische Legende, wonach
die Leiche des Jesus-Bruders Jakobus, des ehemaligen Leiters der
Urgemeinde in Jerusalem, einst in einem Boot an die Nordküste Spaniens gebracht
worden sei – und zwar ohne Kopf! Diese Legende entbehrt jeder
wissenschaftlich gesicherten Grundlage. Das Detail von einer Leiche ohne
Kopf würde jedoch genau auf jemand anderen zutreffen. Nämlich auf den
Spanier Priscillian, der im Jahr 385 in Trier wegen seiner
„ketzerischen“ Auffassungen hingerichtet – geköpft – wurde. Später
holten seine Anhänger und Freunde den Leichnam in Trier ab und brachten ihn zurück
ins heimatliche Spanien. Und zwar vermutlich per Schiff. Hinter der
katholischen Legende könnte also eine wahre Begebenheit stecken. Zwar
ist eine der beiden wahrscheinlichen Möglichkeiten, dass im angeblichen
Grab des Jakobus, dem Ziel der Wallfahrten, nur das kopflose Skelett
eines unbekannten Toten liegt. Die andere Möglichkeit ist jedoch, dass
die Pilger, statt zum „Jakobusgrab“, unwissend zum Grab des „Ketzers“
Priscillan pilgern.
Priscillian, der Bischof in Ávila, vertrat ein ursprüngliches Christentum,
das frei war von dogmatischen Verhärtungen. Er lehrte unter anderem die
Möglichkeit wiederholter Einverleibungen, also die Reinkarnation, und er empfahl eine vegetarische
Ernährung. Er war auch der Auffassung, dass der Geist Gottes auch in der
Natur gegenwärtig ist – was in der Kirche bis heute als „Pantheismus“
verteufelt wird. Priscillian gilt in der Geschichte der Kirche als der erste
„Ketzer“, der – mit einigen seiner Gefährten – wegen seiner
Glaubensüberzeugungen von den Herren der Kirche ermordet wurde. Sanchez Dragó stellt in seinem Buch
die Frage, ob man diesen aufrechten Mystiker nicht als den „größten
Spanier der Geschichte“ betrachten müsse.
Sicher ist jedenfalls, dass seine Lehre in Spanien trotz des Eingreifens
der Inquisition (die ab dem 4. Jahrhundert allmählich aufgebaut wurde) längere Zeit
nachwirkte. Auch die Westgoten, die nach seinem Tod Spanien eroberten,
waren zunächst (bis Mitte des 6. Jahrhunderts) keine Katholiken, sondern
führten als arianische Christen ganz ähnliche Ideen mit sich. Es ist
also durchaus möglich, dass sich das Grabmal - lateinisch „compositum“ - des
„Ketzers“ im Laufe der Zeit in eine Stätte der Verehrung verwandelte,
die heute „Compostela“ genannt wird. Dieser Begriff wird meist als
„Sternenfeld“ (campus stellae) übersetzt, er könnte aber auch von „compositum“
(= Grabmal) abstammen.
Es wäre nicht das erste Mal, dass die katholische Kirche mit ihrem
„Kamelmagen“ (Sanchez Dragó) ein ihr wesensfremdes „ketzerisches“ Erbe
vereinnahmt und, vermischt mit heidnischen Symbolen (siehe
Kasten), zu
einer „uralten“ katholischen Tradition gemacht hätte. Auch in der
mittelalterlichen Jakobslegende spiegelte sich, trotz aller Verfremdung,
noch immer der Impuls, einen Ort weit weg von Rom zu finden, von dem man
das Heil erhoffte – also im Grunde ein nicht-römisches (und
nicht-byzantinisches) Christentum.
Die Kirche jedoch machte aus dem friedfertigen Jünger Jakobus einen
kriegerischen Heiligen. Sankt Jakob
wurde zum „Maurentöter“ umfunktioniert und für die kriegerischen Ziele
spanischer katholischer Heere eingespannt. Bei der Eroberung der unter maurischer Herrschaft stehenden
spanischen Halbinsel (reconquista) wurde so ausgerechnet Jakobus, Bruder des Jesus und Vegetarier,
missbraucht, um als
Soldatenheiliger die „Seinen“ in blutige Kämpfe zu treiben (siehe
Kasten).
Die Kirche hat aber nicht verhindern können, dass auch heute immer mehr
Menschen ahnen, dass es ein Christentum „weit weg von Rom“ geben muss –
und dass sie keine Ruhe geben, bis sie es gefunden haben. (Matthias
Holzbauer)
Weiterführende Literatur:
Matthias
Holzbauer, „Verfolgte Nachfolger“, Verlag Das Weiße Pferd,
Marktheidenfeld 2003, 9,80 €, Tel.: 09391/504-212, Fax -210
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Heidnische Symbole des Jakobswegs
Sich auf die Suche zu begeben, zunächst auf
äußeren Wegen, um dann auf den inneren Weg zu finden, ist zwar ein
urreligiöses Motiv. Doch Wallfahrten zu „magischen“ Orten, an denen
angeblich „Heilige“ begraben liegen oder „Wunder“ geschahen, sind
eine Tradition aus heidnischen Mysterienkulten. Mit dem frühen
Christentum haben sie nichts zu tun.
Auch die Symbole und Legenden der Wallfahrt zum Grab des „Heiligen
Jakob“ sind nach Sanchez Dragó mit antiken Vorbildern verwandt. Der
spanische Autor findet unter anderem Parallelen zum ägyptischen
Osiriskult und zur Venus-Verehrung – siehe z.B. das weibliche Symbol
der Muschel, das bis heute als Pilger-Muschel ein Wahrzeichen des
Jakobswegs ist und das sich - das kollektive Unterbewusstsein
nutzend - auch eine britische Erdölgesellschaft zum Symbol ihrer
Tankstellen erkoren hat.
Vielleicht könnte man auch sagen: Die Venus-Symbolik ist ähnlich wie
die vielerorts gepflegte Marienverehrung (die auf den Kult der
großen Muttergöttin zurückgeht) eine Reaktion auf die
Frauenfeindlichkeit einer zutiefst patriarchalisch geprägten
katholischen Kirche. |
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Der Missbrauch des Jakobus - vom Jünger zum
kirchlichen Krieger
"Seit dem späten 9. Jahrhundert wurde dem
Apostel, der sich [in Spanien] zum Nationalheiligen entwickelte, zunehmend eine
militärische Funktion zugeschrieben. König
Alfons III. von Asturien (866-910) führte seine Siege auf das
Eingreifen des Heiligen zurück. Dabei handelte es sich um Kämpfe
nicht nur gegen die
Mauren,
sondern auch gegen christliche Feinde.[1]
Die Eroberung der Stadt
Coimbra 1064 durch König
Ferdinand I. von Kastilien und León schrieb man der Hilfe des
„Soldaten Christi“ Jakobus zu.[2]
Einer späten, aus dem 12. Jahrhundert stammenden Legende zufolge
griff Jakobus schon im Jahre 844 in der
Schlacht von Clavijo auf der Seite der Christen gegen die Mauren
ein und führte den Sieg herbei, wobei er als Ritter auf einem weißen
Schimmel erschien.[3]
In den Chroniken finden sich viele Berichte solcher Art. Jakobus
erhielt den Beinamen Matamoros (Maurentöter). Im
Spätmittelalter wurde er bildlich als galoppierender Ritter
dargestellt. „¡Santiago y cierra, España!“ („Sankt Jakob und
greif an, Spanien!“) wurde zum traditionellen Schlachtruf der
spanischen Heere. In der frühen Neuzeit erhielt Jakobus auch bei der
Eroberung Amerikas und bei Kämpfen gegen die Türken die Funktion des
Schlachtenhelfers"
(zitiert nach: Internet-Lexikon Wikipedia, Stand: 12.4.2009).
Zudem habe St. Jakob auf Seiten des späteren Diktators Franco im
Bürgerkrieg gegen die spanische Republik gekämpft.
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