Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

September 2006


Der Jakobsweg und seine Hintergründe

Katholische Wallfahrt zum Grab eines Ketzers

Die Wallfahrt zum „Jakobsgrab“ in Santiago de Compostela im Norden Spaniens ist wieder in Mode. Der Ort zieht jährlich über 10 Millionen Pilger an; etwa 180.000 von ihnen unternehmen die beschwerliche Reise zu Fuß, mit dem Fahrrad oder zu Pferd.

Auch wenn viele von ihnen die Reise gar nicht aus frommen Erwägungen antreten, sondern eher aus einer unbestimmten inneren Suche heraus oder weil sie die sportliche Herausforderung suchen, so wären sie doch sicherlich erstaunt, wenn sie erführen, dass sie womöglich keineswegs zum Grab eines katholischen Heiligen pilgern, sondern zu den sterblichen Überresten des ersten „Ketzers“, den die katholische Kirche wegen abweichlerischen Glaubens hat hinrichten lassen. Ein Treppenwitz der Geschichte? Und doch deutet vieles genau darauf hin.

Der spanische Literaturprofessor Fernando Sanchez Dragó hat die „magische Geschichte des Jakobswegs“ untersucht wie kaum ein anderer. In seinem gleichnamigen Buch („Historia mágica del Camino de Santiago“, Barcelona 1999) geht der Autor der Frage nach, weshalb im Hochmittelalter plötzlich wie aus dem Nichts die Legende auftauchte, der Apostel Jakobus sei nach Spanien gekommen und liege dort begraben. Was war vorher?

Fernando Sanchez Dragó verweist auf die maßgebliche katholische Legende, wonach die Leiche des Jesus-Bruders Jakobus, des ehemaligen Leiters der Urgemeinde in Jerusalem, einst in einem Boot an die Nordküste Spaniens gebracht worden sei – und zwar ohne Kopf! Diese Legende entbehrt jeder wissenschaftlich gesicherten Grundlage. Das Detail von einer Leiche ohne Kopf würde jedoch genau auf jemand anderen zutreffen. Nämlich auf den Spanier Priscillian, der im Jahr 385 in Trier wegen seiner „ketzerischen“ Auffassungen hingerichtet – geköpft – wurde. Später holten seine Anhänger und Freunde den Leichnam in Trier ab und brachten ihn zurück ins heimatliche Spanien. Und zwar vermutlich per Schiff. Hinter der katholischen Legende könnte also eine wahre Begebenheit stecken. Zwar ist eine der beiden wahrscheinlichen Möglichkeiten, dass im angeblichen Grab des Jakobus, dem Ziel der Wallfahrten, nur das kopflose Skelett eines unbekannten Toten liegt. Die andere Möglichkeit ist jedoch, dass die Pilger, statt zum „Jakobusgrab“, unwissend zum Grab des „Ketzers“ Priscillan pilgern.

Priscillian, der Bischof in Ávila, vertrat ein ursprüngliches Christentum, das frei war von dogmatischen Verhärtungen. Er lehrte unter anderem die Möglichkeit wiederholter Einverleibungen, also die Reinkarnation, und er empfahl eine vegetarische Ernährung. Er war auch der Auffassung, dass der Geist Gottes auch in der Natur gegenwärtig ist – was in der Kirche bis heute als „Pantheismus“ verteufelt wird. Priscillian gilt in der Geschichte der Kirche als der erste „Ketzer“, der – mit einigen seiner Gefährten – wegen seiner Glaubensüberzeugungen von den Herren der Kirche ermordet wurde. Sanchez Dragó stellt in seinem Buch die Frage, ob man diesen aufrechten Mystiker nicht als den „größten Spanier der Geschichte“ betrachten müsse.

Sicher ist jedenfalls, dass seine Lehre in Spanien trotz des Eingreifens der Inquisition (die ab dem 4. Jahrhundert allmählich aufgebaut wurde) längere Zeit nachwirkte. Auch die Westgoten, die nach seinem Tod Spanien eroberten, waren zunächst (bis Mitte des 6. Jahrhunderts) keine Katholiken, sondern führten als arianische Christen ganz ähnliche Ideen mit sich. Es ist also durchaus möglich, dass sich das Grabmal - lateinisch „compositum“ - des „Ketzers“ im Laufe der Zeit in eine Stätte der Verehrung verwandelte, die heute „Compostela“ genannt wird. Dieser Begriff wird meist als „Sternenfeld“ (campus stellae) übersetzt, er könnte aber auch von „compositum“ (= Grabmal) abstammen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die katholische Kirche mit ihrem „Kamelmagen“ (Sanchez Dragó) ein ihr wesensfremdes „ketzerisches“ Erbe vereinnahmt und, vermischt mit heidnischen Symbolen (siehe Kasten), zu einer „uralten“ katholischen Tradition gemacht hätte. Auch in der mittelalterlichen Jakobslegende spiegelte sich, trotz aller Verfremdung, noch immer der Impuls, einen Ort weit weg von Rom zu finden, von dem man das Heil erhoffte – also im Grunde ein nicht-römisches (und nicht-byzantinisches) Christentum.
Die Kirche jedoch machte aus dem friedfertigen Jünger Jakobus einen kriegerischen Heiligen. Sankt Jakob wurde zum „Maurentöter“ umfunktioniert und für die kriegerischen Ziele spanischer katholischer Heere eingespannt. Bei der Eroberung der unter maurischer Herrschaft stehenden spanischen Halbinsel (reconquista) wurde so ausgerechnet Jakobus, Bruder des Jesus und Vegetarier, missbraucht, um als Soldatenheiliger die „Seinen“ in blutige Kämpfe zu treiben (siehe Kasten).

Die Kirche hat aber nicht verhindern können, dass auch heute immer mehr Menschen ahnen, dass es ein Christentum „weit weg von Rom“ geben muss – und dass sie keine Ruhe geben, bis sie es gefunden haben. (Matthias Holzbauer)


Weiterführende Literatur:
Matthias Holzbauer, „Verfolgte Nachfolger“, Verlag Das Weiße Pferd, Marktheidenfeld 2003, 9,80 €, Tel.: 09391/504-212, Fax -210

 

Heidnische Symbole des Jakobswegs

Sich auf die Suche zu begeben, zunächst auf äußeren Wegen, um dann auf den inneren Weg zu finden, ist zwar ein urreligiöses Motiv. Doch Wallfahrten zu „magischen“ Orten, an denen angeblich „Heilige“ begraben liegen oder „Wunder“ geschahen, sind eine Tradition aus heidnischen Mysterienkulten. Mit dem frühen Christentum haben sie nichts zu tun.

Auch die Symbole und Legenden der Wallfahrt zum Grab des „Heiligen Jakob“ sind nach Sanchez Dragó mit antiken Vorbildern verwandt. Der spanische Autor findet unter anderem Parallelen zum ägyptischen Osiriskult und zur Venus-Verehrung – siehe z.B. das weibliche Symbol der Muschel, das bis heute als Pilger-Muschel ein Wahrzeichen des Jakobswegs ist und das sich - das kollektive Unterbewusstsein nutzend - auch eine britische Erdölgesellschaft zum Symbol ihrer Tankstellen erkoren hat.

Vielleicht könnte man auch sagen: Die Venus-Symbolik ist ähnlich wie die vielerorts gepflegte Marienverehrung (die auf den Kult der großen Muttergöttin zurückgeht) eine Reaktion auf die Frauenfeindlichkeit einer zutiefst patriarchalisch geprägten katholischen Kirche.

 

Der Missbrauch des Jakobus - vom Jünger zum kirchlichen Krieger

"Seit dem späten 9. Jahrhundert wurde dem Apostel, der sich [in Spanien] zum Nationalheiligen entwickelte, zunehmend eine militärische Funktion zugeschrieben. König Alfons III. von Asturien (866-910) führte seine Siege auf das Eingreifen des Heiligen zurück. Dabei handelte es sich um Kämpfe nicht nur gegen die Mauren, sondern auch gegen christliche Feinde.[1] Die Eroberung der Stadt Coimbra 1064 durch König Ferdinand I. von Kastilien und León schrieb man der Hilfe des „Soldaten Christi“ Jakobus zu.[2] Einer späten, aus dem 12. Jahrhundert stammenden Legende zufolge griff Jakobus schon im Jahre 844 in der Schlacht von Clavijo auf der Seite der Christen gegen die Mauren ein und führte den Sieg herbei, wobei er als Ritter auf einem weißen Schimmel erschien.[3] In den Chroniken finden sich viele Berichte solcher Art. Jakobus erhielt den Beinamen Matamoros (Maurentöter). Im Spätmittelalter wurde er bildlich als galoppierender Ritter dargestellt. „¡Santiago y cierra, España!“ („Sankt Jakob und greif an, Spanien!“) wurde zum traditionellen Schlachtruf der spanischen Heere. In der frühen Neuzeit erhielt Jakobus auch bei der Eroberung Amerikas und bei Kämpfen gegen die Türken die Funktion des Schlachtenhelfers"
(zitiert nach: Internet-Lexikon Wikipedia, Stand: 12.4.2009).
Zudem habe St. Jakob auf Seiten des späteren Diktators Franco im Bürgerkrieg gegen die spanische Republik gekämpft.
 

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