Packendes Buch von Prof.
Hubertus MynarekDie neue Inquisition
Sektenjagd in Deutschland -
Mentalität, Motivation, Methoden kirchlicher
und staatlicher Sektenbeauftragter
"Und was galt nicht
alles als Ketzerei?! Wer die Bibel besaß oder las, was damals offiziell durch die
Amtskirche verboten war (!), war ein Ketzer; wer irgend etwas Abfälliges über Priester
gesagt hatte, war es ebenfalls; wer freitags Fleisch gegessen hatte oder wer seiner
Osterpflicht nicht nachgekommen war; wer keine Steuern an Papst oder Bischöfe abgeführt
hatte; wer Gott gelästert oder unanständige Flüche ausgestoßen hatte, der wurde von
der Inquisition abgeholt, wenn ihn ein missgünstiger Zeitgenosse
anzeigte. Mitten in der Nacht konnte da plötzlich der Polizeichef des
Ortes mit einer bewaffneten Begleitmannschaft und natürlich dem
Inquisitor höchstpersönlich, meist einem Dominikaner, vor der Tür
stehen. Und damit war das Schicksal des armen Opfers besiegelt."
Inquisition - alles nur Vergangenheit, die uns in der
Gegenwart einen gruseligen Schauer über den Rücken jagt, mehr aber nicht?
Dass von der Inquisition des Mittelalters eine direkte Linie bis zur
Intoleranz und Gesinnungs-Schnüffelei der Gegenwart gezogen werden kann, war vielen
Beobachtern der heutigen "Sekten"-Hysterie schon seit langem klar. Jetzt liegt
der Beweis vor. Prof. Hubertus Mynarek, exzellenter Kenner sowohl der Kirchengeschichte
als auch der innerkirchlichen Konflikte und theologischen Klimmzüge der Gegenwart, spannt
den Bogen zwischen den Jahrhunderten.
Die
"Dressur-Moral" der autoritären Religion
Den gemeinsamen Hintergrund
für kirchliche Ketzerverfolgung im Mittelalter und kirchliche Verleumdungskampagnen gegen
Andersdenkende in der Gegenwart benennt der Autor bereits im Vorwort: Es ist der
"autoritäre Typ" von Religion, den die Kirchen repräsentieren - damals
wie heute. Doch immer mehr Menschen brechen aus diesem Käfig aus.
"Die ‘Dressur-Moral’, in der die Sekundärtugend
Gehorsam weit vor dem ‘Prinzip Liebe’ rangiert
..., hat ausgedient."
Auf diese Weise kann man die "letzten Sinnfragen" des Menschen heute nicht mehr
beantworten. "Perfektionistisch organisierte Religionsformen, wie etwa der
Katholizismus, aber wollen diese Fragen totalitär verwalten, despotisch und demagogisch
über sie verfügen."
Der Autor zeigt auf, wie das autoritäre "Milieu" beider
Großkirchen heute mehr und mehr auseinander fällt. Kirchenmitglieder und selbst Pfarrer
halten heute längst nicht mehr alles für wahr, was die Kirchen lehren. Dadurch wanken
aber auch die Privilegien der vom Staat vielfältig subventionierten Kirchen. Diese sehen
ihre Existenzgrundlage gefährdet - aus der Glaubenskrise wird eine Krise der Institution:
"Die wirklich Religiösen wissen: Ihr spiritueller Durst, ihr
Sinnbedürfnis wird auf diesem Wege nicht gestillt, sie können sich mit der Kirche als
Kneblerin des religiösen Lebens und Erlebens, als dogmatischer Sinnfixiererin nicht mehr
identifizieren und wandern in die von der Kirche so heftig bekämpften, schmählich so
genannten Sekten, Jugendreligionen, Psychokulte usw. ab. Kein Wunder,
dass die Kirchenführer diese Gruppierungen zum neuen
schrecklichen Feindbild hochstilisieren, das von ihnen selber, aber auch von Gesellschaft
und Staat auf das schärfste bekämpft werden müsse und dass sie
Sektenexperten ernennen, deren geballter Fanatismus meist in keinem irgendwie
akzeptablen Verhältnis zu ihrem minimalen Wissen in vergleichender Religionswissenschaft,
Sekten- und Konfessionskunde steht."
"In gewisser Weise ist der Kampf gegen die neuen religiösen
Bewegungen schon wieder eine Vitalitätsspritze für die erstarrte Kirche. Einen letzten
Funken eigenen Lebens zu verspüren vermag sie offenbar nur noch, indem sie den
vermeintlichen Gegner inquisitorisch bekämpft."
Kampf gegen Ketzer,
Hexen, Juden
Bereits im Mittelalter sah
die Kirche sich in ihrer Machtstellung gefährdet - durch die gewaltlos und bescheiden
auftretenden Bewegungen der Katharer und Waldenser, die beide an frühchristliche Ideale
anknüpften. Zu ihrer Bekämpfung wurde die Inquisition geschaffen.
Mynarek schildert die Schrecken jener Zeit und den Ablauf des
Inquisitionsverfahrens. Im 16. und 17. Jahrhundert erreichte der Sadismus kirchlicher
Menschenjäger bei der Verfolgung der "Hexen" einen weiteren Höhepunkt. Das
"Standardwerk der Hexenverfolgung" war der "Hexenhammer",
verfasst
1484 von zwei Dominikanermönchen und herausgegeben mit päpstlicher Druckerlaubnis.
Auch von hier spannt Mynarek einen Bogen zur heutigen Zeit: "Die
kirchlichen Sektenbeauftragten von heute, die den neuen religiösen Bewegungen stets
vorwerfen, apokalyptische Ängste zu schüren, sollten einmal im Hexenhammer
nachlesen, wie darin die Menschen von damals in Angst und Schrecken versetzt wurden."
Hubertus Mynarek, der als katholischer Priester und Theologieprofessor die
Kirche bis hinauf in die obersten Ränge von innen kennt, schildert auch die kirchliche
Judenverfolgung, die in direkter Linie zum Holocaust der Nazis weiterführt.
Es gehört zur ewigen Psychologie der Intoleranz, die eigenen Fehler den
anderen in die Schuhe zu schieben: "Die heutigen Sektenjäger oder
Neu-Inquisitoren beschuldigen die neuen religiösen Bewegungen gern der Zerreißung der
Familienbande, der Entfremdung der Kinder von ihren Eltern. Wie wärs, wenn sie sich
daran erinnerten, dass unter Papst Paul IV. und seinen Nachfolgern jüdische Kinder
zwangsweise zur Taufe geholt und zu Christen gemacht wurden und die Eltern, die sich dem
widersetzten, vor das Inquisitionsgericht kamen?!"
Trotz der Grausamkeit und Immoralität ihrer Geschichte bis in das 20.
Jahrhundert hinein haben es die Kirchen geschafft, heute "als die Institution in
der Menschheit" zu erscheinen, "die über die allerhöchste moralische
Autorität und Integrität verfügt." Mit Zitaten aus kirchlichen Lexika der
Gegenwart belegt Mynarek, dass dies keineswegs eine "wunderbare Bekehrung" ist: "Die
alte Inquisition ist noch nicht tot, denn die Perversion ihres Denkens spukt weiterhin in
den Köpfen heutiger Theologen und Kirchenverteidiger herum."
Eifrige Nachfolger
Luthers
Doch warum sind gerade
lutherische "Sektenbeauftragte" so eifrig in der Verunglimpfung und Verketzerung
neuer Glaubensbewegungen? Mynarek führt dies zum einen darauf zurück,
dass "viele
evangelische Theologen, auch viele Sektenbeauftragte unter ihnen, komplexbehaftet,
desorientiert und frustriert sind. Es wurmt sie, dass die katholische Kirche, zu der nicht wenige von
ihnen bewundernd aufschauen, sie nicht ernst nimmt, ihren liturgischen und amtlichen Status
nicht anerkennt ... Man möchte so gern Kirche sein, weiß aber, dass man im Grunde nur
eine abgeleitete Sekte, sozusagen die Abspaltung von einer Abspaltung ist ... Das alles
nagt mächtig und giftig am Selbstwertgefühl evangelischer Geistlicher. Um so wütender
diffamieren die Sektenbeauftragten unter ihnen die nichtkirchlichen Gruppierungen und
Bewegungen als Sekten ..."
Zum anderen spielt das "Vorbild" des Reformators Martin Luther
eine verhängnisvolle Rolle. Luther war nach Mynarek "nicht nur katholisch,
sondern er war katholisch hoch zehn: er war mönchisch-katholisch." Der
Reformator ließ andersgläubige Menschen mit mindestens ebensolcher Wut verfolgen wie
katholische Inquisitoren.
Vor allem aber vertrat er ein Gottesbild, das den Menschen, der es tief in
sich aufnimmt (und dies sind in erster Linie die Theologen), zutiefst verunsichern und zu
aggressiven Verdrängungsreaktionen verleiten muss. Gott ist für Luther "erschrecklicher
und gräulicher als der Teufel. Denn er handelt und gehet mit uns um mit Gewalt, plaget und
martert uns und achtet unser nicht."
"Im Kern von Luthers Gottheit", stellt Mynarek fest, "liegt
das Düstere, Dunkle, Gewalttätige, Jähzornige, Feurig-Triebhafte, Zügel- und Maßlose
... Selten hat ein Mensch seine eigene zügellose, triebhafte, grobe und gewalttätige
Natur derart deutlich in seinen Gott projiziert wie Luther ... Kein Wunder,
dass Luthers
Epigonen die Irrationalität in den Knochen steckt, die sie dann flugs in die
Sekten abzudrängen versuchen."
Luther und der
"böse" Gott
In diesem Gottesbild hat das
Böse in der Welt letztlich seinen Ursprung in Gott. Mynarek analysiert anhand von
Aussagen einzelner Sektenbeauftragter, welche Auswirkungen dies hat. Der lutherische
Pfarrer Behnk z. B. "drischt ... munter, beherzt und befreit wie einst Erzvater
Luther auf die sog. Sekten ein, froh darüber, ... dass er alles Harte, Ungerechte,
Grausame, Willkürliche und Irrationale jetzt von Luther weg - und auf die neuen
nichtkirchlichen Bewegungen schieben kann."
Mynarek spricht von Luthers Menschenbild als von einer "abstrusen
Lehre von der totalen Heillosigkeit, Sündhaftigkeit und ethischen Unfähigkeit des
Menschen". Luthers Ausfälle gegen Bauern und Juden, die an Obszönität und
Brutalität kaum zu überbieten sind, "drücken ... die Not einer
manisch-depressiven Natur aus, die einen Zustand unerbittlich paranoider Bekämpfung eines
fest bestimmten äußeren Feindes aufrechterhalten muss, um zu verhindern,
dass sie sich
selbst preisgibt ... Hier stehen wir tatsächlich vor dem Tatbestand einer krankhaften
Obsession, einer Besessenheit, die dem älteren Luther immer mehr zu schaffen machte. ...
Aber von Besessenheit im weiteren Sinn bei zahlreichen heutigen evangelischen
Sektenbeauftragten darf wohl berechtigterweise gesprochen werden, wenn man sieht, wie die
meisten von ihnen ununterbrochen und maßlos alles Negative, Perverse, Dämonische den
sog. Sekten unterstellen und diese Unterstellungen gebetsmühlenartig in den
Medien wiederholen. Auch sie halten wie Luther ein Feindbild mit allen Mitteln aufrecht
..."
Für Luther ist mit der gesamten menschlichen Natur auch die Vernunft
total sündhaft verdorben. Lutherische Sektenbeauftragte brauchen sich also, wenn sie die
Wahrheit verdrehen, "durch die Vernunft, durch vernünftige Wahrheitssuche, durch
wirklichkeitsentsprechendes Erkennen nicht lenken, einschränken oder beeinträchtigen zu
lassen."
Luther spricht dem Menschen den freien Willen ab - und seine Nachfolger
werfen dann anderen Glaubensrichtungen vor, den freien Willen des Menschen einschränken
zu wollen.
Eine Kirche, die dem Menschen einredet, er sei total verdorben und voller
Bosheit, kann wohl nicht für sich in Anspruch nehmen, eine positive, auch den Staat und
die Demokratie fördernde Botschaft zu verbreiten. Wenn sie sich dann auch noch zum
Richter und "Experten" über andere Glaubensrichtungen aufspielt und sich vom
Staat mit Milliardenbeträgen aushalten lässt, dann ist das Maß voll.
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