Das Weisse Pferd - Urchristliche Zeitung für Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft

Ausgabe 11/99

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Stressbewältigung im Alltag

"Ich bin so im Stress!" Wer kennt diesen Ausspruch nicht? Es scheint, dass der Stress zu einem Hauptübel des modernen Menschen geworden ist. Fast jeder erlebt Stress. Ein bisschen Stress mag ja ganz nützlich sein. Dauert die Stressbelastung jedoch an, dann ist unsere seelische und körperliche Gesundheit gefährdet. Deshalb ist die Frage: Wie können wir mit dem täglichen Stress oder auch mit länger dauernden seelischen Belastungen umgehen? Wie können wir uns selber helfen?

Die biologische Stressreaktion

Doch zunächst die Frage: Was ist Stress? Der Begründer der biologischen Stresstheorie, der kanadische Mediziner Hans Selje schrieb 1982: "Ich habe allen Sprachen ein neues Wort geschenkt - Stress". In der Umgangssprache wird das Wort Stress für die Reaktion unseres Körpers auf Belastung benutzt. Die belastenden (Umwelt-) Faktoren heißen Stressoren.

Streß kannte schon Wilhelm Busch
Eine Stress-Situation: "Und den Onkel, voller Grausen, sieht man aus dem Bette sausen." (Wilhelm Busch)

Wenn das Überleben gefährdet ist, reagiert jeder Organismus gleich: Er begibt sich in einen Zustand des Kampfes oder der Flucht, um der Gefahr zu entrinnen. Gerät er wieder in die gleiche Situation, versucht er, diese zu vermeiden.

Die biologische Reaktion auf Bedrohung vitaler Bedürfnisse wurde zum Modell für die Stressreaktion: Herzschlag, Pulsfrequenz, Blutverteilung im Körper werden aktiviert. Es ist die Folge eines "Panik-Signals" aus dem Stammhirn, sofort bestimmte Hormone in den Blutstrom zu leiten. Hormone sind chemische Botenstoffe, die den Organen sagen, was sie jetzt zu tun haben. Die Hormone der Kampf- und Fluchtreaktion werden in der Nebenniere produziert, z. B. das Adrenalin. Bei ihrer Ausschüttung mobilisiert der Körper zusätzliche Energien. Diese Energetisierung zeigt sich darin, dass wir schneller atmen, schwitzen, zittern, die Fäuste ballen, unsere Stimme bebt, wir die Augen aufreißen u. a. m.

Der Sinn dieser biologischen Reaktion ist, den Körper augenblicklich kampf- oder fluchtbereit zu machen. Dazu werden ihm zusätzliche Energien zugeführt, und der Energieverbrauch derjenigen Organe, die nicht unmittelbar gebraucht werden, wie z. B. der Verdauungstrakt, auf ein Minimum reduziert. Es werden die Sinnesorgane, Augen und Ohren, so geschärft, dass einem kein wichtiges Signal entgeht. Es werden die Abwehrkräfte des Organismus mobilisiert, damit der Körper eventuell Verletzungen besser überstehen kann.

In unserm Organismus gibt es zwei Nervensysteme, die man zusammengefasst als das vegetative Nervensystem bezeichnet. Der Parasympathicus überwacht die Ruhephasen, die Verdauung und andere autonome Vorgänge. Der Sympathicus wird bei Alarm aktiviert und blockiert alle Vorgänge des Parasymphaticus, bis die Gefahr vorüber ist.

  • So hört z. B. ein Mensch, der voll mit Kauen beschäftigt ist, sofort damit auf, wenn eine Gefahrensituation auftritt, wenn beispielsweise jemand die brennende Flambierpfanne auf den Boden fallen lässt. Erst wenn die Gefahr behoben ist, merkt er, dass er noch Speise im Mund hat.

Der Mechanismus der biologischen Stressreaktion funktioniert z. B. bei der Eidechse in gleicher Weise wie beim Menschen. Beide haben einen Gehirnbereich, durch den diese Reaktion ausgelöst wird. Beim Menschen ist es das Stamm- oder Althirn, bei der Eidechse ihr Reptiliengehirn. Beim Menschen ist die Sache allerdings wesentlich komplizierter, weil er neben dem Althirn noch das Neu- bzw. Großhirn hat. Darin befinden sich die Funktionen des Wahrnehmens, Vorstellens, Denkens und Bewertens. Diese haben beim Menschen eine wesentliche Funktion: Sie entscheiden darüber, was er als Stress empfindet und was nicht. Daher hat die ursprüngliche, die biologische Stressdefinition für uns Menschen nur noch eine geringe Bedeutung.

"Eustress" und "Disstress"

Bereits Hans Selje unterschied zwei Arten von Stress: den negativen, schädlichen, Leben zerstörenden Stress, den er Disstress nannte; und den positiven, aktivierenden, lebensnotwendigen Stress, den Eustress (von griech. eu = gut).

Menschen, Fußgänger
Ich mache mir bewusst: In mir wohnt die Kraft Gottes

Diese Unterscheidung mag sinnvoll sein. Dem alltäglichen Sprachgebrauch entspricht sie jedoch nicht. Denn wer benutzt schon das Wort Stress im positiven Sinne? Deswegen ist es üblich, das Wort nur im Sinne von Disstress zu benutzen, also im negativen Sinne, als eine Gefährdung unseres Gleichgewichts durch schädliche Einflüsse von außen - oder auch von innen.

Auch der Disstress kann positiv wirken, indem er Kräfte mobilisiert.

  • Dazu ein Beispiel: In einem großen Zirkus sah sich ein Handwerker, der Reparaturen vornahm, plötzlich mit einem Löwen konfrontiert. Blitzschnell kletterte er den Mittelmast hoch bis in die Kuppel. Er vollbrachte dabei eine Leistung, die er niemals trainiert hatte und die er unter normalen Bedingungen nicht zustande gebracht hätte. Der durch den Selbsterhaltungstrieb ausgelöste Stress mobilisierte enorme Energien, die diese Leistung ermöglichten.

Generell aber gilt: Stress als Dauerbelastung führt zu Leistungsminderung, schwächt das Immunsystem und löst Krankheiten aus.

Stress ist nicht gleich Stress

Für uns Menschen gilt, dass letztlich unsere Gedanken und unsere Bewertung der Situation darüber entscheiden, was wir als Stress erleben. Unser Denken und unsere Einstellung bestimmen ganz wesentlich unser Befinden. "Das Glück des Menschen hängt von der Beschaffenheit seiner Gedanken ab", ist ein Wort des römischen Kaisers und Philosophen Marc Aurel. "Die Dinge selbst berühren die Seele in keiner Weise, noch haben sie Zugang zur Seele, noch können sie sie verändern oder bewegen. Nur die Werturteile, die die Seele fällt, prägen das Wesen der Dinge, die von außen an sie herantreten." Der griechische Philosoph Epiktet sah es genauso: "Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Vorstellungen von den Dingen."

Und für die sind wir selbst verantwortlich. Der griechische Arzt und Philosoph Demokrit (460 bis 370 v. Chr.) sagte: "Die Menschen erbitten sich Gesundheit von den Göttern. Dass sie jedoch selbst Gewalt über ihre Gesundheit haben, wissen sie nicht." Daraus folgt: Wir selbst haben es in der Hand, durch unser Denken das Ausmaß von Stress und damit unsere seelische Gesundheit zu beeinflussen.

Was ist Gesundheit?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit wie folgt: "Gesundheit ist nicht nur Freisein von Krankheiten, sondern physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden." Ein wichtiger Schritt, um Wohlbefinden zu erreichen, ist die Bewältigung von Stress im Alltag. Für das Ausmaß der Belastung durch eine Stress-Situation sind folgende Faktoren entscheidend:

  • Wie bewerte ich das Ereignis?
  • Welche Einstellung habe ich dazu?
  • Über welche Bewältigungsmöglichkeit verfüge ich?

Die innere Einstellung ist entscheidend

Jeder kann in eine Überforderungssituation kommen.

  • Beispiel: Auf einem Spaziergang sehe ich von weiten einen großen Hund. Was denke ich? "Der sieht ja gefährlich aus. Dass der mich bloß nicht anfällt!" Nehme ich den Hund als bedrohlich war, dann empfinde ich Unsicherheit und Angst - Stress. Vielleicht ärgere ich mich auch über den Hundehalter, der seinen Hund einfach frei herum laufen lässt. Sehe ich in dem Hund einen fröhlichen Gesellen, der friedlich und freundlich umher springt, dann habe ich eine positive Einstellung - und gerate nicht in Stress.

Lernen, sich zu entspannen

Auch wenn mir etwas nicht gelingt, ist meine innere Reaktion entscheidend. Denke ich: "Du bist ein Versager?" oder sage ich mir: "Es gibt eine Lösung. Ich gebe mein Bestes. Irgendwie habe ich es immer noch geschafft!" Ob Stress oder Nicht-Stress hängt also nicht zuletzt von meiner Einstellung ab, meiner Deutung bzw. Interpretation der Situation.

Auch meine körperliche Verfassung hat einen Einfluss darauf, wie ich auf eine Stress-Situation reagiere. Bin ich angespannt, dann neige ich zu einer dramatisierenden Reaktion. In der Entspannung finde ich eventuell eine positivere Sicht der Situation. Deshalb ist es wichtig, zu lernen, sich körperlich zu entspannen. Dazu sollte ich mich zurückzunehmen, um ganz bei mir zu sein. Dadurch bekomme ich Distanz zur Stress-Situation.

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Es kann auch hilfreich sein, den Ort der Stressauslösung zeitweise zu verlassen, um räumliche Distanz zu bekommen. Für die seelische Entspannung ist jedoch die Bereinigung entscheidend. Denn Stress ist immer auch Erregung, für die das Entsprechungsgesetz gilt: Was mich erregt, das habe ich zuminderst teilweise auch in mir. In der Erregung sollte ich mich erkennen und das Erkannte mit Christus bereinigen.
 

Neun Tipps gegen Stress

Folgende Aspekte können bei der Stressbewältigung hilfreich sein:

  1. Wo in meinem Leben tritt Stress auf?

  2. Welche Gedanken habe ich dabei, d. h. welche Bewertung oder Deutung gebe ich dem Ganzen?

  3. Ich nehme die Situation an, indem ich mich z. B. frage: Was will sie mir sagen? Was kann ich daraus lernen?

  4. Ich bemühe mich, negative Gedanken, die sich bereits im Kreis drehen ("grübeln"), zu stoppen bzw. zu verringern.

  5. Ich versuche, mich körperlich zu entspannen. Denn im entspannten Zustand ist ein Umdenken leichter. Doch: Gibt es Gedanken, die mich daran hindern, mich zu entspannen? Die sollte ich bereinigen.

  6. Wie kann ich die Situation, in der ich immer wieder in Stress gerate, äußerlich verändern? (z. B. bei Lärm in eine ruhigere Wohngegend ziehen) Einer Aufgabe jedoch, die mir die Stress-Situation stellt, kann ich mich durch einen Ortswechsel nicht entziehen, z. B. mich mit bestimmten Menschen zu versöhnen. Irgendwann muss ich das Ungelöste lösen - warum also nicht jetzt?

  7. Ich suche und finde das Gute - in mir, in der Situation, in den beteiligten Personen. Denn in jedem Negativen ist auch das Positive, das aus der Situation herausführen kann - und das ist unser Lehrmeister.

  8. Ich mache mir bewusst: In mir wohnt die Kraft des Guten - die Kraft Gottes. Sie ist immer bereit mir zu helfen, wenn ich mich ihr zuwende.

  9. Was hat mich eigentlich so in Wallung gebracht? Gleiches oder Ähnliches muss in mir liegen. Ich erkenne es und bereinige das Erkannte - mit der Kraft des Christus in mir.

Lesen Sie dazu auch:
Stress lass nach in der Ausgabe Nr. 6/2003


 



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