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Die Kunst-Kult-Religion der "römisch-katholischen
Lutheraner"
Der Papst hat das Jahr 2000 zum
kirchlichen "Jubeljahr" ausgerufen. Worüber will er eigentlich jubeln?
Darüber, dass es in den letzten 2000 Jahren niemanden gibt, der mehr Tote auf dem
Gewissen hat als die Kirche (Hitler und Stalin eingeschlossen)? Oder darüber,
dass sie
trotz dieser Vergangenheit und der wachsenden Zahl der Kirchenaustritte immer noch
existiert?
Diesen Jubel müsste man verstehen, denn es war in der Tat eine
psychologische Meisterleistung, die Verbrechen der Vergangenheit fast vollständig in
Vergessenheit geraten zu lassen; und es ist eine theologische Spitzenleistung, immer noch
den Eindruck zu erwecken, die Lehre der Kirche sei die Lehre des Jesus von Nazareth,
obwohl das Gegenteil für jeden halbwegs wachen Zeitgenossen offensichtlich ist. Um den
Jahrtausendjubel noch zu steigern, öffnet die römisch-katholische Mutter nun auch
wieder für die
Lutheraner ihre Arme, die sie einst als ketzerische Sekte verfluchte
(mehr dazu im hinteren Teil des Artikels).
Der Kirchenglaube
stammt von römischen Kaisern
Die wenigsten Katholiken
wissen, dass wesentliche Teile des "apostolischen Glaubensbekenntnisses", das
sie sonntags beten (allerdings nur mehr 7 % der Gesamtbevölkerung) nicht von den Aposteln
oder frühchristlichen Bischöfen, geschweige denn von Jesus von Nazareth stammen, sondern
in den ersten 500 Jahren nach Christus von römischen Kaisern dekretiert wurden.
Die erste Weichenstellung der katholischen Glaubenslehre erfolgte auf dem Konzil
von Nicäa (325), das Kaiser Konstantin einberufen hatte, um eine theologische
Auseinandersetzung zu schlichten, die ihm politisch ungelegen kam: Zwischen den Christen
von Alexandria war ein Streit über das Verhältnis von Jesus von Nazareth zu Gott
entstanden, der bald auf die ganze Christenheit übergriff. Die einen (die Anhänger des
Athanasius) waren der Auffassung, dass Jesus, der Christus, selbst Gott sei
("wesenseins mit Gott"), während die anderen (die Anhänger des Arius) Jesus
als Gottes Sohn ("wesensähnlich mit dem Vater") ansahen. Konstantin, der
politische Taktiker, der sich zwar erst auf dem Sterbebett taufen ließ, aber das
Christentum als weltanschauliches Fundament seiner Staatsmacht missbrauchte, wollte den
Streit unterbinden, da er die Einheit seiner Staatskirche störte. Deshalb versammelte er
ihm genehme Bischöfe zu einem Konzil, das er selbst leitete und auf dem er per
Staatsgesetz verordnete, was der rechte Glaube sei: Christus sei "wesenseins mit
Gott". Diese kaiserliche Formel findet sich noch heute im katholischen
Glaubensbekenntnis.
Die zweite Weichenstellung für dieses Bekenntnis erfolgte auf dem Konzil
von Konstantinopel (381). Es ging um die "Dreieinigkeit" von Gott-Vater, Sohn und
Heiligem Geist, sowie die Stellung der "alleinseligmachenden" Kirche, wie sie
sich später nannte. Wieder maßte sich ein römischer Kaiser, Theodosius I., an,
per Machtspruch die Glaubenslehre zu bestimmen. Er berief das Konzil ein, und einer seiner
Juristen, den man schnell noch taufte, zum Priester weihte und zum Metropoliten
beförderte, übernahm die Leitung der Versammlung, um die Formel des Dreieinigkeitsdogmas
juristisch einwandfrei zu Papier zu bringen. Gleichzeitig wurde die Kirche als
"heilig" und "apostolisch" erklärt und ihre "Gnadenmittel"
(Taufe, Sündenvergebung) zu den Heilsinstrumenten der neuen Staatsreligion deklariert.
Was Theodosius und sein Jurist Nektarius verabschieden ließen, ist bis heute Bestandteil
des Credos aller "christlichen" Konfessionen.
50 Jahre später wurde in Ephesus (431) Maria als
"Gottesgebärerin" dogmatisiert. Auch dieses Konzil fand unter
kaiserlicher Oberhoheit statt. Der Oströmer Theodosius II. berief es ein und ließ
den Patriarchen von Konstantinopel, Nestorius, auf Geheiß seines Rivalen Cyrill aus
Alexandria und des römischen Bischofs Coelestin als "ruchlosen" Ketzer
verurteilen und vertreiben. Sein Verbrechen: Er hatte vor dem Kult einer
"Gottesmutter" gewarnt; Maria könne nur als "Christusgebärerin"
bezeichnet werden. Doch der Marienkult siegte, dank rücksichtsloser Intrigen seiner
Anhänger und einer fanatisierten Menge, die durch die Stadt Ephesus zog, die den
Diana-Kult seit alters her hochhielt und nun stattdessen die "große Gottesmutter" preisen
wollte.
Ein heidnisches Mysterium wurde zum festen Bestandteil der katholischen Glaubenslehre und
blieb es bis heute.
Auf dem Konzil von Chalcedon (451) ging es wieder um Christus. Die
Versammlung wurde von Marcion, einem Soldatenkaiser, einberufen, aber die
Regie führte dessen Frau Pulcheria, eine ehemalige Nonne, die nun Politik machte.
Geleitet wurde das Konzil von hohen Staatsbeamten. Man beschloss, Christus sei zugleich
"wahrer Gott und wahrer Mensch". Auch diese Formel findet sich noch heute im
Glaubensbekenntnis der Römisch-Katholischen Kirche.
Am nachhaltigsten beeinflusste Kaiser Justinian die kirchliche
Lehre - auf dem Konzil von Konstantinopel (553). Der oströmische Kaiser war zwar
nach außen Christ geworden, aber ein römischer Machtpolitiker geblieben.
Religionsstreitigkeiten mussten ohne Rücksicht auf ihren Inhalt im Keim erstickt werden.
Ob hier jemand unter Berufung auf den frühchristlichen Lehrer Origenes die
Wiedergeburtslehre verkündete oder die Erlösung aller Seelen und Menschen durch
Christus, war nicht nur zweitrangig, sondern im Verhältnis zur Staatsraison völlig
unwichtig. Deshalb fackelte der Kaiser nicht lange und gab der Versammlung neun
Bannflüche vor. Zwei davon lauteten: Wer daran festhält, die menschliche Seele habe
bereits vor ihrer leiblichen Inkarnation gelebt, sei verflucht. Und wer glaubt, am Ende aller
Zeiten würden alle Seelen und Menschen zu Gott zurückkehren, sei verflucht
(vgl. dazu Der
Theologe, Ausgabe Nr. 2, Reinkarnation) Hier nahm
die römische Staatskirche endgültig Abschied von zentralen Inhalten der Lehre des Jesus
von Nazareth: von seiner Botschaft von einem liebenden Vater-Gott, der niemanden verdammt,
sondern alle Seelen und Menschen, die gesamte gefallene Schöpfung in die ewige Heimat
zurückholen wird, mit Hilfe der Erlösertat Jesu und durch die Befolgung Seiner Lehren,
zu denen die Präexistenz der Seele und die Möglichkeit wiederholter Einverleibungen
gehört. Fortan hatte die Kirche eine der schärfsten Waffen in der Hand: die Drohung mit
der ewigen Verdammnis, die sie in den folgenden 1 1/2 Jahrtausenden wirkungsvoll
einsetzte. Sie wurde auch zur geistigen Grundlage der Inquisition und der Kreuzzüge, die
Millionen Menschen das Leben kosteten.

Der später als "Ketzer" verfolgte Arius in untertäniger Geste
vor dem Konzil von Nicäa (325), auf dem Kaiser Konstantin
(Vierter von rechts mit Krone) den Vorsitz führt
Das kirchliche Glaubensbekenntnis war von römischen Kaisern, Despoten mit
Blut an den Händen, formuliert worden. Die theologischen Rahmenbedingungen für einen
1500 Jahre währenden Terror waren damit geschaffen. Thomas von Aquin, der noch
heute hoch verehrte Kirchenlehrer, konnte daran anknüpfen und lehren,
dass Häresie ein
strafwürdiges Verbrechen sei, weshalb die weltliche Obrigkeit Häretiker in den Tod
schicken müsse. Nachdem Martin Luther mit seiner Reformation an die Macht gekommen
war, erhielt der katholische Terror einen lutherischen Ableger. Luther rief zu Mord und
Totschlag gegen die rebellischen Bauer, zur Verfolgung der Juden und zum Niederbrennen ihrer Synagogen
auf. Prediger, die von seiner Kirche nicht lizenziert waren, wollte er dem Henker
übergeben.
Der »Friedensschluss«
römisch-katholischer Lutheraner
Jahrhunderte lang haben sich
die lutherischen und die römisch-katholischen Obrigkeiten gegenseitig bekämpft und
verdammt. Jahrhunderte lang hat jede ihrer Organisationen die Welt mit Blut und Tränen
überzogen, teils gegeneinander, z. B. im Dreißigjährigen Krieg, teils miteinander, z. B.
bei der Verfolgung von Ketzern und Hexen. Doch jetzt geben sie sich auf einmal friedlich.
Nicht, dass sich der Papst bei den Millionen Opfern der Inquisition
ernsthaft entschuldigen (vgl. dazu:
Das Schuldbekenntnis des
Papstes - eine ungültige Beichte?) oder die Evangelische Kirche
sich von dem Volksverhetzer Luther distanzieren würde. Sondern die
verbrecherischen Organisationen von einst versöhnen sich gegenseitig,
ohne ihre Verbrechen zu bereinigen. Sie sprechen in salbungsvollen
Worten von der "Gnade", die sie
früher nie kannten, wenn es um die Macht ging. Die Gemeinheit vermischt sich jetzt. Und
das unwissende Volk klatscht Beifall.
"Sündige
tapfer!"
Das Thema dieses
Friedensmanövers der unfriedlichsten Organisationen der Weltgeschichte ist ein 500 Jahre
alter Glaubensstreit: Martin Luther war von der Vorstellung eines
zürnenden Gottes besessen, dem sich der Mensch auch nicht durch "gute
Werke" nähern könne. Die Lehre Jesu "Wer meine Rede hört und tut, ist
ein kluger Mann" schlug er in den Wind. "Allein der Glaube" rechtfertige
den Menschen vor Gott, denn Jesus von Nazareth habe durch seinen
Opfertod bereits alles für ihn getan. Das ist, kurz gesagt, die viel
zitierte "Rechtfertigungslehre" Luthers. Sie ist bequemer als die
Befolgung der Bergpredigt, in der Jesus als Ziel Seiner Lehre gebot: "Ihr sollt vollkommen sein,
wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Diese Lehre verhöhnte Luther als Utopie,
indem er lehrte: "Die rechten Heiligen Christi müssen gute, starke Sünder
sein." "Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer!" "Willst du nicht
gegen das Evangelium fehlen, so hüte dich vor den guten Werken; fliehe sie wie die
Pest!" Es klingt, als ginge es um eine Tapferkeitsmedaille vor dem Feind Christus.
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