| Wanderung
auf Brunos Spuren
Sein letzter Blick
ging nach Süden
„Und stell dir vor, was die gsagt ham: ‚Jagd ist nur eine feige
Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf’ ...“
Ich bin sofort hellwach, der Halbschlaf ist verflogen. Das war doch ein
Theodor-Heuß-Zitat! Ich liege im Bett auf der Taubensteinhütte und habe
gerade aus der Stube unter mir – trotz „Hüttenruhe“ – die Stimme eines
späten Gastes, offenbar aus der Umgebung, gehört. Von der weiteren
leicht erregten Unterhaltung dringen zwar nur noch Wortfetzen nach oben,
doch das Gesprächsthema ist klar: Es geht noch immer um die
Demonstration, die wenige Tage zuvor im beschaulichen Ort Schliersee
stattgefunden hat. Tierfreunde aus mehreren Ländern hatten gegen den
Abschuss des Bären Bruno protestiert.
Ich hatte nicht
erwartet, bereits in der ersten Nacht meiner kleinen Wanderung auf
Brunos Spuren so direkt mit diesem Thema konfrontiert zu werden. Denn
nicht als aufdringlicher Journalist war ich in die Berge gestiegen,
sondern still und leise – eben wie Bruno, der keine Fragen stellte,
sondern einfach da war, einfach dazugehörte. Jedenfalls dachte er das.
Das Taubensteinhaus liegt eine halbe Tagestour von der Stelle entfernt,
an der Bruno erschossen wurde. Ich näherte mich am Nachmittag zuvor
dieser Stelle von der entgegen gesetzten Seite des Rotwandgebiets, also
von Norden her. Genau hier fangen die Alpen an. Beim Aufstieg von Aurach
auf die Aiplspitz (1758 m) – immerhin 1000 Höhenmeter – ließ ich die nur
leicht hügelige Tiefebene des Alpenvorlands unter mir. Bruno hatte es
also fast bis dorthin geschafft – bis ins Flachland, wo seinesgleichen
früher auch wie selbstverständlich heimisch war.
Der August-Nachmittag war kühl und bedeckt gewesen, aber nicht
regnerisch. Auf der Aiplspitz hatte mich der Nebel einen Moment zögern
lassen. Aber der Pfad über den Grat, für den man zeitweise die Hände
zuhilfe nehmen muss, war noch klar erkennbar gewesen. Beim Abstieg vom
Gipfel zog dann der Nebel ab, und es waren in der Umgebung fünf oder
sechs Häuser gleichzeitig zu sehen: überall Almen und Hütten. Es ist
hier eben noch kein „richtiges“ Hochgebirge, in dem man allenfalls nach
einem halben Tag auf die nächste Unterkunft treffen würde. Die
Wegstrecken des vergangenen und zukünftigen Tages sind immer wieder
bequem zu überblicken, sobald man etwas höher hinaufkommt. Und es gibt
viele Almen, viele Kühe. Bruno, so war zu lesen, ging ihnen eher aus dem
Weg. Auch für einen ausgewachsenen Bären (der er noch lange nicht war)
sind sie eine Nummer zu groß ...
Der Mensch hat sich diesen Gebirgsraum vielfältig nutzbar gemacht, hat
ein dichtes Netz von Wegen, Zäunen und Gebäuden angelegt. Und doch fand
sich der Bär hier offenbar gut zurecht.
Das Rotwand-Gebirge ist so klein, dass der Wanderer dort drei Tage nur
verbringen kann, wenn er Umwege macht. Ein sehr empfehlenswerter Umweg
zwischen Taubenstein und Rotwand ist ein Abstecher zum Soinsee – zumal
Bruno dort gesichtet wurde. Bei dieser Gelegenheit durchschwamm er den
nur etwa 100 Meter breiten See und machte sich bergan aus dem Staub. Der
Soinsee ist ein kleines Paradies: umrahmt von mittelhohen Bergen,
dunkelgrünes Wasser, saftig grüne Nadelbäume, lindgrüne Wiesen im
Kontrast mit weißen Felsen – alles ausgewogen und einladend zu Rast und
Brotzeit. Bruno hatte einen guten Geschmack!

Der Soinsee - Hier genießt
Bruno den vorletzten Tag seines Lebens (Samstag, den 24.6.). Er
badet im See und marschiert später den Hang hinauf Richtung Kümpflalm -
in den Tod.
Bergauf geht es bis zum frühen Nachmittag zum Rotwandhaus. Hier treffen
sich ganze Scharen von Tagesausflüglern, die mit der Taubensteinbahn
heraufgekommen sind und den kommoden Höhenweg herüber genommen haben. Am
Nachmittag sind sie alle wieder verschwunden – fast alle rechtzeitig vor
dem Regen, der jetzt doch einmal herunter muss. Zurück bleiben ein paar
Wanderer, die wie ich bei diesem Wetter froh sind, ihr Nachtquartier
schon erreicht zu haben.
Ob Bruno den Betrieb tagsüber bemerkt hat? Wahrscheinlich nur teilweise,
denn größere Strecken legte er meist in der Nacht zurück.
Am Abend bleibt zwischen zwei Schauern noch genügend Zeit, auf den
Rotwand-Gipfel (1885 m) zu steigen. Von dieser Seite aus ist er leicht
begehbar – auf einem schön planierten, sanft ansteigenden Weg, der jedem
Kurpark Ehre machen würde. Lediglich ganz oben muss man auf das
Gipfelplateau ein ganz klein wenig hinaufklettern.
Die abendliche Aussicht ist erfrischend und sogar ein wenig dramatisch:
überall tief hängende Wolken in den Tälern, ein grauer Himmel oben
drüber und dazwischen die Bergketten der Nachbar-Vorgebirge. Der
Großglockner, wie bei Schönwetter versprochen, ist zwar im Regendunst
verborgen, auch die Zugspitze nur zu ahnen, aber Plankenstein, der nahe
Wendelstein und viele andere Nachbarberge sind deutlich zu sehen.
Hier oben ist der Gedanke an die Eingriffe des Menschen in die Natur
plötzlich wie weggeblasen. So viel Berge, soviel Wildnis überall – und
da soll kein Platz für einen Bären sein, ach was, für Dutzende von
Bären? Diese Berge, allerdings momentan noch viel weiter im Süden und
Osten, sind schließlich der letzte Platz, wo sie die Nachstellungen des
Menschen überlebt haben.
Das Leben im Gebirge war über Jahrhunderte ein sehr karges. Bär, Luchs
und Wolf wurden vom Menschen als Gefahr für seine Viehbestände
angesehen. Die Frage war eigentlich nur: Schießt der Jäger das Wild ab
oder der Wilderer? Und heute? Heute bringt der Fremdenverkehr den
Lebensunterhalt. Wildtiere sind ein Anreiz für den Tourismus. Wo Bären
leben, da ist ursprüngliche Wildnis, so denken die Sommergäste nicht
ganz zu Unrecht. Ein Anstoß zum Umdenken für die Bergbewohner?
Wahrscheinlich denken sie viel rascher um als die Politiker, die für
Brunos Tod verantwortlich sind ...
Die Katze im Rotwandhaus ist schon vor mir auf den Beinen. Als ich die
Tür der Unterkunftshütte öffne, streicht sie mir um die Beine. Sie ist
gelb-schwarz gefärbt, grad wie ein Tiger. Und sie begleitet mich, als
ich zur Kümpflalm hinuntersteige. Zwischendurch bleibt sie einmal
sitzen, gerade da, wo von der Höhe herab der Weg zum Soinsee zu sehen
ist. Sie scheint die Aussicht zu genießen ...
Erst als wir die Kümpflalm erreichen, bleibt die Katze, die zwischendurch
immer wieder leise miaut hat, zurück. Erst nach einigen Minuten bemerke
ich, dass der Wanderweg die Alm, auf der Bruno sterben musste, nur
gestreift hat. Einige Schritte geht es nach rechts zwischen den Bäumen
hindurch und über einen Bach zu dem größten Haus auf der Alm. Hier muss
es passiert sein, am 26. Juni 2006 um 4 Uhr 50. Laut Focus kamen die
Männer des Exekutionskommandos in der Nacht zuvor an das Haus und
verschafften sich mit Dienstausweisen Zutritt. Früh morgens, beim ersten
Büchsenlicht, stand dann plötzlich Bruno vor der Tür. So, als ob er
sagen wollte: Ihr wollt mich erschießen? Bitte: Hier bin ich!
Als sie ihre Büchsen geladen hatten und die Fenster öffneten, stand er
etwa hundert Meter bergauf, Richtung Rotwandhaus, richtete sich auf und
kehrte ihnen die Vorderseite zu. Na, schießt doch endlich!
War es so? Und wo war es genau? Ich suche den Hang ab. In der Zeitung
habe ich ein Bild gesehen von einem Trauerkreuz, dass Tierfreunde am Tag
danach an der Stelle der tödlichen Schüsse aufgestellt hatten. Es ist
nichts zu sehen. Die Tierfreunde konnten schließlich nicht auf 1450
Meter Höhe ihr Kreuz bewachen. Und nach katholischer Lehre dürfen Tiere
nicht mit Kreuzen geehrt werden. Man darf Tieren nicht dieselbe Liebe
angedeihen lassen wie den Menschen, so steht es sinngemäß im
Katechismus. Wenn sie wenigstens bezüglich der Menschen die Lehre des
Nazareners befolgen würden ...
Ich nehme den Fotoapparat aus dem Rucksack und steige den Hügel hinauf.
Es ist ein abgelegener, irgendwie verwunschener Ort, denke ich,
eingezwängt zwischen die Flanken der Rotwand und nach Süden abgeriegelt
von der Bergkette des Sonnwendjochs. Ich mache eine Aufnahme des letzten
Blicks, den Bruno vermutlich auf diese sichtbare Welt geworfen haben
wird: unter sich das Haus mit den schussbereiten Gewehren in den
geöffneten Fenstern, vor sich die Bergkette, den Blick nach Süden
gerichtet, von wo er gekommen war, wo seine Eltern und Geschwister
herumstreifen.

Im Morgengrauen des 26.6.,
einem Montag,
will Bruno die Kümpflalm passieren. Als ihn das Exekutions-kommando
bemerkt, flieht er zunächst auf eine Anhöhe. Dort richtet er sich noch
einmal auf
und schaut Richtung Süden, wo seine
Familie lebt. Dann fallen die tödlichen Schüsse.
Kaum ist der Fotoapparat verstaut, setzt ein starker Regen ein. Ich
flüchte talwärts und nehme der Einfachheit halber den Fahrweg, der an
der Almhütte endet und auf der Karte gar nicht verzeichnet war. Er muss
relativ neu sein. Die Büchsenspanner kamen also bequem mit dem
Geländewagen vom Spitzingsee herauf gefahren. Zum Glück lässt der Regen
bald nach.
Am nächsten Tag mache ich noch eine kleine Wandertour und kehre nach der
Durchquerung der Starzlachklamm im Allgäu im Gasthof „Alpenblick“ ein.
Im Nebenzimmer steht – ein Bär! Nein, kein Plüschtier, ein ausgestopftes
Exemplar, offenbar ein jüngeres, vielleicht in Brunos Alter. „Geschossen
in Alaska“ verkündet ein Schild, dass der sichtlich stolze Jäger daneben
hat anbringen lassen. Werden sie den nächsten Bruno wieder so leicht
abknallen können? Oder kommt bald einmal die Zeit, in der man erkennt,
dass solche selbst geschossenen Nebenzimmerbären echt daneben sind, und
sich dafür in Grund und Boden schämt? (Matthias Holzbauer) |
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