Dritte Welt

Kirchliche Fundamentalisten
im Vormarsch?

Die kirchliche Welt wandelt sich vor allem in Ländern der Dritten Welt in einem Ausmaß, wie es manche Beobachter aus dem Westen kaum wahrhaben wollen. Man spricht von einem neuen »Fundamentalismus« sowohl in den evangelischen als auch in der katholischen Kirche. Die einen stellen den Wortlaut der Bibel wieder mehr in den Mittelpunkt, die anderen die Dogmen und den Gehorsam gegenüber der Kirchenhierarchie. Droht weltweit ein neues Mittelalter? Und was hat das für Folgen?

Sympathische Fußballprofis aus Lateinamerika hatten beim Torjubel eine Zeitlang immer wieder ihr Trikot ausgezogen und auf ihrem Unterhemd den Namen »Jesus« präsentiert. Bis dies vom Deutschen Fußballbund untersagt wurde, denn bei einem Bundesligaspiel soll nicht missioniert werden. Die Spieler gehören meist einer der vielen evangelischen Frei- oder Pfingstkirchen an, deren Mitgliederzahl in einigen Jahren voraussichtlich die 1-Milliarde-Marke überschreiten wird, womit sie die Buddhisten an Mitgliedern bzw. Anhängern weltweit überholen würden. Vor allem in Lateinamerika bekehrten sich in den letzten Jahren immer mehr Katholiken zu einer protestantischen Freikirche. Doch auch die Mitgliederzahl der römisch-katholischen Kirche in der Dritten Welt wuchs zuletzt insgesamt an. Allerdings weniger durch Mission wie bei den evangelischen Pfingstkirchen, sondern mehr durch das explodierende Bevölkerungswachstum, das Abwerbungen durch die Protestanten offenbar mehr als ausglich. So gab es vor ca. 50 Jahren in Afrika z. B. 16 Millionen Katholiken, derzeit sind es 120 Millionen und bis 2025 soll die Zahl angeblich sogar auf 228 Millionen ansteigen. Selbst wenn diese Hochrechnung sich als unhaltbar und letztlich reine Wunschvorstellung herausstellen sollte, so wird doch in diesem Zusammenhang auch über einen Afrikaner als nächsten Papst nachgedacht, und dem nigerianischen Kardinal Arinze werden durchaus gute Chancen eingeräumt. Im besagten Jahr 2025 sollen geschätzte ¾ aller Katholiken weltweit auf der südlichen Erdhalbkugel leben. Demgegenüber erleben die Kirchen in den westlichen Industrieländern von Jahr zu Jahr mehr ihren Niedergang, sowohl durch die schrumpfende Bevölkerungsentwicklung als auch durch die weiter steigenden Kirchenaustritte.

Die »Dritte Kirche«

Aufs Ganze gesehen findet demnach eine Art Umwälzung der Mitgliederschaft von Nord nach Süd statt. Der US-Religionswissenschaftler Philip Jenkins spricht in diesem Zusammenhang von einer »Dritten Kirche« – eine Wortschöpfung parallel zum Wort »Dritte Welt« –, die nach seiner Prognose weit mehr als der ebenfalls zahlenmäßig anwachsende Islam das 21. Jahrhundert prägen könnte: Keine unverbindlichen intellektuellen Reden über Gott und die Welt und ein »Markt der Möglichkeiten« (vom ökumenischen Bastelnachmittag bis zu Segenshandlungen an homosexuellen Paaren) zeichnen diese »Dritte Kirche« mehr aus, sondern wie in alten Zeiten vor allem »voller Respekt« der Gläubigen »vor der Macht der Bischöfe und Priester«, so der Religionswissenschaftler. Sowohl auf evangelischer als auch auf katholischer Seite entwickle sich der Glaube zunehmend »stramm traditionell bis reaktionär«. Welche Folgen wird das haben? Auf evangelischer Seite heißt das z. B., immer mehr Menschen nehmen die Bibel wieder wörtlich als »Gottes Wort«. Wenn das Alte Testament etwa die Hinrichtung praktizierender Homosexueller verlangt, dann wird von den Kirchen-Oberen in den westlichen Industrieländern beschwichtigt, solche und ähnliche Forderungen seien »zeitbedingt«.
Was ist jedoch, wenn man diese Auslegung wieder verwirft und neu darüber nachdenkt, was Gott in seinem »verbindlichen« Wort angeblich fordere? Und was könnte Andersgläubigen drohen, die laut einer Aussage im Neuen Testament dem Satan übergeben werden sollen? Schon vor einigen Jahren warnte der deutsche Philosoph Karl Jaspers, dass die Kirchen mit ihrem biblisch fundierten Absolutheitsanspruch jederzeit auf dem Sprung stehen, die Scheiterhaufen für Ketzer wieder zu entflammen. Derzeit bekämpft sie ihre Gegner durch ihre Weltanschauungsbeauftragten hauptsächlich mit Worten, vielfach Verleumdungen und Lügen, mit denen der gute Ruf dieser Menschen zerstört und sie in ihren bürgerlichen Rechten eingeschränkt werden sollen (aktuelle Beispiele z. B. bei www.steinadler-schwefelgeruch.de). In den Zeiten, in denen dies möglich war, zielte die kirchliche Inquisition jedoch vielfach auf deren Hinrichtung.

Pfarrer beteiligt sich an Steinigung

Eine Voraussetzung dafür war die Verteufelung Andersdenkender bzw. der Glaube, dass diese mit dem Bösen im Bunde stünden. Diese Anschauung spielt auch beim jetzigen neuen kirchlichen Fundamentalismus in beiden Konfessionen wieder eine Rolle. Die fatalen Folgen zeigen sich z. B. in Afrika. Dort wuchsen in letzter Zeit nicht nur die Mitgliederzahlen der katholischen und der protestantischen Kirche.

Seit Mitte der 90er-Jahre ist auch wieder eine dramatische Zunahme von Hexenverfolgungen feststellbar, die es auf diesem Kontinent schon lange vor Einführung des kirchlichen Christentums gab. Die Kirchen können einem solchen Wahn nur wenig entgegensetzen, auch wenn man sich von den aktuellen Verfolgungen distanziert. Es besteht sogar die Gefahr der Beteiligung.
So schreibt die Zeit: »Beinahe täglich taucht das Thema in afrikanischen Medien auf. Mal gesteht ein christlicher Pfarrer, sich an der Steinigung einer Hexe beteiligt zu haben. Mal werden Menschen lebendig verbrannt oder begraben« (Nr. 2/2001).
Der afrikanische Sozialwissenschaftler George Masu von der Universität Nairobi weist nach einem Massaker an ca. 1.000 »Hexen« im Kongo im Jahr 2001 darauf hin, dass es ja auch in Deutschland noch vor wenigen Jahrhunderten Hexenverbrennungen gegeben habe (Stuttgarter Zeitung, 18.7.2001). Und für den Vorwurf der Täter an die Opfer, diese hätten zuvor andere Menschen verflucht, gibt es zahllose Parallelen in der katholischen Kirche. Auch die Kirche unterstellte ihren Gegnern oftmals, andere zu verfluchen, bzw. sie selbst ließ Andersdenkende und ihre Anschauungen verfluchen, was in sehr vielen Fällen mit deren Hinrichtung endete. Und in seinem Buch »Die Schwelle zur Hoffnung überschreiten« spricht auch Papst Johannes Paul II. von Zusammenhängen. Er schreibt, dass »die afrikanischen und asiatischen Animisten« »relativ leicht« für die Kirche gewonnen werden können, da deren Kulte der Kirche z. T. viel näher stünden als die »ethischen Systeme« des Fernen Ostens, wobei der Papst v. a. den Ahnen- bzw. Heiligenkult im Blick hat. Es ist aber auch an Reliquienverehrung, Sakramente oder den Exorzismus zu denken, was sowohl im Voodoo-Kult als auch in der katholischen Kirche praktiziert wird.

Zwei gegensätzliche Gruppen

Der US-Religionswissenschaftler Jenkins spricht von revolutionären Umbruchszeiten in Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, »ohne dass der Westen daran Anteil hätte«. In ca. 10 bis 20 Jahren werde es zwei große Gruppen in der »Weltkirche« geben, die Katholiken und die pfingstkirchlichen Protestanten, die trotz ihrer Gemeinsamkeiten hinsichtlich eines neuen Fundamentalismus »ihr jeweiliges Gegenüber nicht einmal mehr als authentisch christlich ansehen werden«, weil dann doch wieder die bekannten Gegensätze zutage treten. Auch hier eine andere Entwicklung als in den westlichen Kirchen, wo man noch mehr nach ökumenischen Gemeinsamkeiten sucht und die Hoffnung auf einen starken, der Ökumene verbundenen Papst setzt, der alle Kirchenkräfte weltweit zusammenfassen kann. Doch selbst wenn dies hier und da gelingen sollte – die Kräfte sind aufs Ganze gesehen zu uneins und teilweise einander sogar feindlich gesonnen, als dass sie sich bündeln ließen. Die Kirchen haben die Lehre des Jesus von Nazareth verfälscht, sei es durch katholische Dogmen oder durch dogmenähnliche protestantische Bekenntnisse, die nichts mit Jesus, dem Christus, zu tun haben. Und da nicht Christus die Mitte ihrer Lehren ist, sondern letztlich eigenwillige Vorstellungen ihrer Theologen und Kirchenführer, kann sich die Kirche wandeln, wie sie will, sie kann doch ihren Zerfall nicht verhindern.
Letztlich ist es die enttäuschte Suche nach der Wahrheit, die den ehrlichen Gottsucher von einer Kirche in die nächste und schließlich heraus aus den Kirchen führt. In der Christusoffenbarung für unsere heutige Zeit Das ist Mein Wort, ist es vorausgesagt: «Die Leiter der Amtskirchen, die in Meinem Namen lehren, haben ein Dogmengebäude geschaffen, in welchem sie sich verbergen, um der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu müssen. In dieses Dogmengebäude laden sie ihre Gläubigen ein, erlegen ihnen in Meinem Namen diese dogmatischen Lehrsätze auf und verpflichten sie – unter Androhung der ewigen Verdammnis –, diese einzuhalten. Dieses Dogmengebäude ist jetzt morsch und im Zusammenbrechen; es gleicht einem Kartenhaus, das nur noch von äußerer Macht und äußerem Reichtum gehalten wird« (S. 600).

Aus diesem Grund ist es verständlich, warum in der »Dritten Kirche« des 21. Jahrhunderts die autoritären Machtstrukturen wieder eine so große Rolle spielen. Denn ohne sie ließen sich die Kirchen nicht mehr so lange halten.
Somit klammert sich also noch so mancher Mensch in seiner inneren Not an den äußeren Schein der Macht, bis er sich eines Besseren besinnt oder bis dieser Schein gleich dem Kartenhaus in sich zusammengefallen ist. (dp)

Literatur:


Journal Das Friedensreich, Ausgabe Nr. 2/04


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