Steht unsere
Zivilisation vor den Ende? (2)"Dieses Raubsystem führt
zum Ruin der Felder"
Justus von Liebig (1859)
Jedes Jahr wird auf unserem Planeten ein Gebiet von
der Größe der Schweiz zur Wüste. Sieben Prozent sind bereits Wüste, und ein Drittel
der Erdoberfläche sind Trockengebiete, die zur Wüste werden können, wenn der Mensch
versucht, sie nutzbar zu machen.

Wir haben es in der Hand, wie
lange unsere Erde fruchtbar bleibt.
Der Vormarsch der Wüste ist keineswegs ein reines
Naturereignis. Dies könnte man höchstens für Teile Nordafrikas sagen, wo die Sahara
sich seit Jahrtausenden weiter ausbreitet. Doch auch in Nordamerika und Europa geht jedes
Jahr fruchtbarer Boden verloren - durch Überdüngung, durch zu schwere Maschinen, durch
Abtragung aufgrund von Wind oder Wasser. Wie lange wird die Mutter Erde die Menschen noch
ernähren können?
Ein großer Naturwissenschaftler warnte schon vor über
hundert Jahren davor, dass bisher noch jede große Zivilisation zugrunde ging, die den
Mutterboden ausbeutete, ohne ihm eine Gegenleistung zurückzugeben. Justus von Liebig
(1803-1873), der gemeinhin als "Vater des modernen Landbaus" gilt, verglich in
seinen Studien die Entwicklung des römischen Reiches und des alten Griechenland mit der
Entwicklung der Bodenfruchtbarkeit, die er im vorigen Jahrhundert in Mitteleuropa
feststellen konnte.
Bis heute beruft man sich auf Liebig, wenn man die
chemische Düngung rechtfertigen will, die dem Boden in Form von Stickstoff, Phosphor,
Kali und Kalk die Elemente zuführt, die er angeblich zu verstärktem Pflanzenwachstum
braucht. Liebig war tatsächlich der erste, der die Wirkung dieser Stoffe auf Getreide-
und Gemüsepflanzen erforschte.
Was jedoch kaum bekannt ist: Liebig entwickelte sich
später zu einem entschiedenen Verfechter des organischen Landbaus und warnte davor, den
Boden wie eine isolierte chemische Versuchsanordnung zu betrachten und zu meinen, wenn
viel auf ihm wachse, dann sei er gesund und fruchtbar. Er sagte voraus,
dass diese
scheinbare Fruchtbarkeit nicht von Dauer sein könne, weil sie das eigentliche Leben im
Boden außer acht lasse.
Zuviel Chemie ist Gift
Organische Dünger helfen dem Bodenleben besser und
nachhaltiger als künstlich hergestellte. "In anderen Fällen", so schrieb
Liebig, "wirkt Knochenmehl besser auf die nachfolgenden Früchte als das
Kalksuperphosphat, und Asche besser, als wenn man dem Felde die in der Asche enthaltene
gleiche Menge Kali gibt.

Justus von Liebig (1803-1873)
Mit dem Kalidünger muss man sehr sparsam sein; der
kleinste Überschuss wirkt wie ein wahres Gift." Künstliche Dünger können zwar die
Pflanzen kurzfristig zu vermehrtem Wachstum antreiben, doch dies kann nicht von Dauer
sein: "Das Ammoniak als Dünger für sich, wenn der Boden an Mineralbestandteilen
Mangel hat, ist dem Branntwein gleich, den der Arme genießt, um seine verwendbare
Arbeitskraft in einer gegebenen Zeit zu steigern, und seine Wirkung hat wie dieser eine
entsprechende Erschöpfung zur Folge." Liebig kommt immer wieder auf das
"unwandelbare Naturgesetz" zurück, "dass dem Felde an Bodenbestandteilen
wieder erstattet werden muss, was er (der Landwirt) demselben in der Ernte genommen
hat."
Wird dieses Gesetz missachtet, indem man den Boden aus
kurzfristigem Profitdenken heraus ausbeutet, so ist Unfruchtbarkeit des Bodens die
langfristige Folge - und dann führen Völker Kriege, um neuen Boden zu erobern.
"Ein jedes Blatt der Weltgeschichte zeigt die
schauderhafte Wirkung dieses furchtbaren Gesetzes in den Strömen von Blut, womit der
Mensch die Erde tränken musste, welche er nicht fruchtbar zu erhalten verstand."
Oder, an anderer Stelle: "Alle Länder und Gegenden der Erde, in welchen der Mensch
nicht Sorge trug, seinen Feldern die Bedingungen seiner Ernten zu erhalten, sehen wir von
der Periode ihrer dichtesten Bevölkerung an nach und nach der Unfruchtbarkeit und
Verödung verfallen."
So geschah es zum Beispiel mit den Böden des römischen
Reiches, über die der Schriftsteller Columella in seiner Vorrede zu seinen zwölf
Büchern vom Ackerbau schrieb: "Die Großen des Staates pflegen bald über die
unbeständige Witterung zu klagen, welche schon seit geraumer Zeit den Früchten
nachteilig gewesen ist. Andere meinen, der Boden sei durch allzu große Fruchtbarkeit der
vorigen Zeiten erschöpft oder kraftlos geworden.
Aber kein Vernünftiger würde sich überreden lassen, die
Erde sei, wie wir Menschen, veraltet; die Unfruchtbarkeit rührt vielmehr von unserm
Verfahren her, weil wir den Ackerbau der unvernünftigen Willkür ungeschickter Knechte
überlassen."
Über das Feldbausystem, das er selbst mit
beeinflusste,
später jedoch zu korrigieren versuchte, urteilt Liebig keineswegs besser. Er ist der
Ansicht, "dass das seit einem halben Jahrhundert herrschende System des Feldbaues ein
Raubsystem gewesen ist, welches, wenn es beibehalten wird, in einer berechenbaren Zeit den
Ruin der Felder, die Verarmung ihrer Kinder und ihrer Nachkommen unabwendbar nach sich
ziehen wird."
Diese Worte schrieb Justus von Liebig 1859. Die
konventionelle Landwirtschaft, die sich noch immer - fälschlicherweise! - auf ihn beruft,
hat die Methoden der künstlichen Düngung nicht korrigiert, sondern ausgebaut und durch
die Insekten- und Pilzgifte des "modernen" Landbaus erweitert.
Nach wie vor ist sie der Ansicht, dass es auf diese Weise
dem Boden und den Pflanzen gut gehe. Doch die Alarmsignale häufen sich: In der Schweiz
sei mittlerweile "jeder dritte Quadratmeter der natürlich gewachsenen Böden
zerstört oder akut bedroht", meldete die Zürichsee-Zeitung. Und die Süddeutsche
Zeitung schrieb: "Der Boden verliert seine Kraft - Auch in Deutschland schreitet die
Zerstörung der Flächen rapide fort."
Zu den "hausgemachten" Belastungen durch die
Landwirtschaft kommen noch die Belastungen durch die allgemeine Verschmutzung der Luft und
durch die wachsenden Flächenansprüche von Verkehr, Siedlung und Wohnen.
"Mittlerweile ist der Boden als Pufferzone gesättigt und kann die Pestizid- und
Nährstofffracht nicht mehr speichern", war zu lesen. Die Gifte landen im
Grundwasser. Nur: Der Boden hat eben nicht nur die Funktion einer "Pufferzone",
er soll außerdem noch Menschen ernähren!
Einen Ausweg sah Liebig schon vor mehr als 100 Jahren in
der chinesischen und japanischen Landwirtschaft, die damals mit natürlichem Kompost
arbeitete, mit "Rasen, Stroh, Gras, Torf, Unkraut, mit Erde gemischt ..." Man
verwendete seit alters her in diesen Ländern bestimmte Pflanzen zur Gründüngung und
verdünnte auch tierische und menschliche Fäkalien, um sie dann auf den Feldern
auszubringen.
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